Ein Jahr Homeoffice – das habe ich gelernt

Seit etwa einem Jahr arbeite ich „dank“ Corona überwiegend im Homeoffice. Dadurch weiß ich jetzt einiges darüber, was man im Homeoffice besser nicht machen sollte. Die wichtigsten Punkte hab ich hier mal notiert.

Lesezeit: 9 Min., von Titus Gast gepostet am Fri, 26.2.2021
Tags: homeoffice, journalismus, job, agile, hardware, arbeit

Es war irgendwann Ende Februar/Anfang März 2020, als mir dämmerte, dass sich unser Leben bald verändern würde. Zu einem lange vorbereiteten Workshop in Mainz sollten Kolleginnen und Kollegen von weiter her anreisen – und manche sagten am Tag vorher ab, weil ihre Firma das Risiko von Dienstreisen wegen Corona nicht mehr eingehen wollte. Im Workshop selbst begrüßten wir uns dann kontaktlos, der Reflex zum Händeschütteln war aber immer noch da.

Einige Tage später beschäftigte ich mich mit Notfall-Plänen und der Frage, wer in meinem Team systemrelevant wäre. Noch ein paar Tage später wurde ich krank (ich weiß bis heute nicht, was es wirklich war, ein Test gute zwei Wochen nach den ersten Symptomen war negativ). Als ich Mitte März wieder arbeitsfähig, aber immer noch von Husten und Schnupfen geplagt war, blieb ich erst mal im Homeoffice, um niemanden anzustecken. Einigen Kolleginnen und Kollegen ging es ähnlich – es war ja Grippesaison, Corona hin oder her – und etwa zehn Tage später hat mein Arbeitgeber die Empfehlung erlassen, dass alle, deren Tätigkeit das erlaubte, bitte von zuhause aus arbeiten möchten. Ich schrieb meinen Kolleginnen und Kollegen: „Wenn ihr gerade nicht schon zuhause wärt, müsste ich euch jetzt nach Hause schicken.“ Ich war froh, dass wir niemanden einem überflüssigen Risiko aussetzten.

Bis dato war Homeoffice bei uns die Ausnahme und etwas, das man machte, weil Handwerker oder Kinder zu betreuen waren – oder um mal in Ruhe was wegzuarbeiten, was im Büro ungleich länger dauern würde. Das änderte sich nun schlagartig: Ganze Abteilungen arbeiteten bis auf wenige Ausnahmen zuhause. Webworker müssen nicht ins Studio, nicht ins Lager und können – schnelle Internetverbindung und ein bisschen Infrastruktur vorausgesetzt – überall arbeiten.

Mit wenigen Ausnahmen in Sommer, die ich an einer Hand abzählen kann und auch im Büro überwiegend in Videokonferenzen verbrachte, betreibe ich das nun seit einem Jahr so. Ich habe mich im Homeoffice engerichtet und träume jetzt davon, mal wieder mit Kolleginnen und Kollegen dicht an dicht in einem Raum zu sitzen oder viel zu früh in einem ICE zu fahren. Vor allem habe ich in dieser Zeit aber einiges über mich und die Arbeit in den eigenen vier Wänden gelernt.

1. Du brauchst Homeoffice-Hardware. Doch, ich meine das ernst.

Mit dem Laptop am Küchentisch – das hat bei mir nur wenige Tage funktioniert. Da mein krankheitsbedingtes Homeoffice mit der Schließung der Schulen zusammenfiel, war dort auch recht viel los durch im Homeschooling befindliche Kinder. Außerdem bekam ich rasch Schmerzen am Laptop: Mehrere Stunden oder einzelne Tage in dieser Haltung waren nie ein Problem, mehrere Tage stundenlang war ich aber offenbar nicht gewohnt. Ich habe mir also einen externen Monitor zugelegt, einen Schreibtisch (inzwischen höhenverstellbar, habe ich im Büro auch und nutze die Variationsmöglichkeiten regelmäßig), eine externe Tastatur und – ganz wichtig – ein Bluetooth-Headset (genau genommen nicht nur eins, dazu unten mehr).

Die Kosten waren überschaubar – ich glaube, dass ich die Homeoffice-Ausstattung letztendlich durch nicht getrunkenen Coffee to go auf Dienstreisen refinanzieren konnte. Mit der Einrichtung eines Heimarbeitsplatzes hatte ich ohnehin schon länger geliebäugelt, Corona bot nur die Gelegenheit. Mir ist bewusst, dass das nicht immer so einfach ist – letzendlich ist es aber eine Investition in die eigene Gesundheit bzw. das eigene Wohlbefinden.

2. Besorg dir ein ordentliches Headset – die Kolleg*innen werden es dir danken!

Wer mal versucht hat, halbwegs professionelle Videos zu drehen, weiß: Das wichtigste ist der Ton! Das gilt auch für Videokonferenzen. Schlechtes Bild lässt sich – außer im Präsentationsmodus - gut verkraften. Aber wenn man die Kolleginnen und Kollegen nicht versteht, nur mit Hall hört oder sich selbst am besten noch mit Echo wahrnimmt, nervt das nicht nur, sondern ist auch ganz schön anstrengend. Also: Ein ordentliches Bluetooth-Headset muss sein. Das muss natürlich mit dem Computer auch irgendwie zusammenpassen, ich habe die Erfahrung gemacht, dass das mal besser und mal schlechter geht. Da hilft nur ausprobieren – ich habe letztendlich erst mal die vorhandene Hardware ausprobiert und dann diverse Geräte bestellt und wieder zurückgesendet. Wenn man nicht alleine zu Hause ist, empfehle ich zudem ein geschlossenes oder Noise-Cancelling-System, damit die Videokonferenz zur Rollout-Strategie sich in deinem Kopf nicht mit Hausaufgaben-Diskussionen, Turntraining oder der Erstellung des nachmittäglichen Milchshakes durch andere Familienmitglieder vermischt. Ich habe übrigens gelernt, dass die Apple-Headsets – egal ob kabellos oder mit Kabel – auch recht gut funktionieren, wenn nicht gerade das Mikro an Kleidungsstücken reibt. Die sind bis auf die AirPods Pro natürlich nicht geschlossen oder Noise Cancelling. Ob Kabel akzeptabel sind oder nicht, ist sicher Geschmackssache und eine Frage der persönlichen Bewegungsfreiheit am Schreibtisch. Und natürlich des Akkus: Ich erlebe es selbst und bei anderen, dass die Videokonferenz kurz stockt, wenn der Akku leer ist. Passiert.

Ein wichtiger Faktor ist außerdem natürlich, dass Bügelkopfhörer am Kopf drücken – wenn man sie den ganzen Tag aufhat, brummt einem schnell der Schädel. Auch da tut also Abwechslung gut und mittlerweile greife ich auch gerne mal wieder auf die kabelgebundenen, aber leichten Handy-Kopfhörer zurück.

In jedem Fall gilt aber: Ohne Headset nur über Computerlautsprecher und -Mikro zu videokonferieren, ist im Jahr 2021 mindestens eine schlechte Idee und respektlos gegenüber den Kolleginnen und Kollegen.

3. Plan deine Pausen ein. Kolleg*innen haben die verrücktesten Arbeitszeiten.

Ich habe das Glück, dass mein Job zu einem großen Teil aus Kommunikation besteht. Das bedeutet: Ich rede den ganzen Tag irgendwie mit Menschen oder versuche, Menschen, die miteinander reden sollten, miteinander ins Gespräch zu bringen. Bis März 2020 hatte das häufig mit Dienstreisen zu tun, auch mit Telefonaten, zunehmend häufig mit Videokonferenzen via Microsoft Teams. Von einem Tag auf den anderen verlagerten sich nun alle diese Dinge in Teams, ich habe häufig Tage, an denen ich morgens um 9 Uhr oder früher mit Videokonferenzen beginne und – abgesehen von einer Mittagspause – um 17 Uhr aufhöre.

Am Anfang kamen die Termine, wie sie kamen. Da ich im Büro meistens keinen Wert auf ausgedehnte Mittagspausen legte, machte ich die einfach, wenn Zeit war. Und so sah mein Kalender auch aus. Das führte dann in den ersten Wochen dazu, dass mir ab und an jemand mit einer Einladung für eine superdringende Videokonferenz die letzten Päuschen zwischen zwei Terminen oder gar die Mittagspausen zuballerte. Das passierte ein paar Male und ärgerte mich fürchterlich. Jetzt nicht mehr: Seitdem befindet sich eine wunderbare, zweistündige Terminserie an jedem Tag in meinem Kalender, von der ich i.d.R. mindestens eine Stunde nicht für Arbeit nutze, vulgo Pause mache. Die braucht man, wenn man den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzt, und das schlechte Gewissen darüber legte sich schnell.

Auch sonst kann ich nur empfehlen, hin und wieder Pausen gezielt einzuplanen. Gelingt mir noch nicht so gut, ist aber ein wichtiger Vorsatz für 2021.

Außerdem habe ich auch schon von Teams gehört, die gezielt videokonferenzfreie Tage einbauen, um in Ruhe auch mal was wegarbeiten zu können. Auch das kann eine gezielte Strategie sein.

Und wenn man dann die Termineinladung für 7.15 Uhr oder 20.36 Uhr bekommt, weil die Kolleg*innen da halt gerade schon oder noch arbeiten, hilft nur: Nein. Einfach nein. Auch das ist okay – es sei denn, du arbeitest um diese Zeit auch supergerne, dann nimm die Einladung halt an, denk aber bitte auch dran, welches Signal du damit an die Kollegin sendest, die vor 10 zu nichts zu gebrauchen ist oder den Kollegen, der immer nur bis 15 Uhr im Büro war, weil er wirklich schon um 7 anfängt.

Und wenn du abends müde bist: Das ist normal, „Zoom Fatigue“ ist ein real existierendes Phänomen, das wissenschaftlich erforscht wird.

4. Raus mir dir. Nutz die frische Luft, wann immer du kannst!

In Vor-Corona-Zeiten bestand eines meiner Rituale darin, gezielt zu bestimmten Zeiten in die Kantine über die Straße zu gehen, um Kaffee zu holen, Flaschen zurückzubringen, vielleicht eine Kleinigkeit zum Essen zu kaufen. Auch besuchte ich für kurze Fragen gerne mal die Kolleginnen und Kollegen zwei Stockwerke tiefer oder in anderen Gebäudeteilen. Wenn das alles wegfällt, fehlen schnell Bewegung und frische Luft. Das muss man sich dann anders holen.

Die Mittagspause oder der Nachmittags-Espresso im Gartenliegestuhl sind seitdem ein festes Ritual. Ich kenne Kolleg*innen, die jeden Mittag einen Spaziergang durch die Weinberge unternehmen, wieder andere machen Sport.

Wie im Büro auch ist es wichtig, dass man den Schreibtisch ab und an verlässt, auch wenn einen anfangs das schlechte Gewissen plagt. Ja, all die Klischees über Homeoffice feiern fröhliche Partys in deinem Kopf. Sie stimmen aber einfach nicht, wenn mit deinem Job und dir alles stimmt, und dann ist so eine Pause total okay und sogar wichtig. Auch für deinen Arbeitgeber (auch wenn er es nicht weiß).

Was ich neulich erst gelernt habe (und ja, es klingt banal): Man kann auch draußen und unterwegs arbeiten, z.B. indem man zu längeren Telefonaten oder Videokonferenzen, bei denen es nicht der Computer sein muss, einfach das Handy nimmt und das Ganze beim Spazierengehen durchführt.

5. Timeboxen sind dein Freund. Sei nett zu ihnen und mach sie nicht kaputt!

Durch die Arbeit in einem Scrum-Team war ich schon vor dem Homeoffice derart an das Konzept Timeboxing gewöhnt, dass es meinen Terminplan und mich immer völlig aus dem Konzept brachte, wenn Timeboxen mal nicht eingehalten wurden. So eine Timebox funktioniert aber nur, wenn sich auch alle dran halten. Das ist lustigerweise bei Videokonferenzen einfacher, allerdings geht es auch gar nicht anders, wenn man sich den ganzen Kalender damit vollballert.

Noch nicht perfektioniert habe ich die Kunst, nur mit „krummen“ Timeboxen zu arbeiten; vor ein paar Jahren las ich den Tipp, dass Termine niemals 30 Minuten oder 60 Minuten dauern oder zur vollen oder halben Stunde beginnen sollten, weil das alle tun; wenn man Aufmerksamkeit für eine Timebox schaffen wolle, solle man zu völlig ungeraden Zeiten die Termine beginnen und enden lassen, die dann natürlich auch nur 23 oder 57 Minuten dauern sollten. So würde sich nämlich jeder*r Teilnehmer*in fragen, was es mit diesen Zeitangaben auf sich habe und schon hätte man Aufmerksamkeit dafür. Ich hab das ein paar Mal probiert, die meisten Menschen halten es aber für einen Witz. Krumme Anfangszeiten sind aber insofern ganz klasse, weil sie in den meisten Kalenderprogrammen bei der Übersicht zur vollen Stunde erscheinen, und dann hat man vielleicht doch noch sieben Minuten für die Bio- oder Kaffeepause. Paradiesisch.

Und ganz generell sind möglichst knapp bemessene Timeboxen natürlich ein wunderbares Mittel, um Meetings zu vermeiden, die eigentlich E-Mails sein sollten. Man muss Kolleg*innen manchmal erklären, warum das wichtig ist – aber ich habe den Eindruck, dass Corona auch die Akzeptanz von hartem Timeboxing erhöht hat.

6. Rituale sind wichtig. Wasch dich und zieh dich an!

Natürlich kann ich im Homeoffice weitgehend vor mich hinstinken und anziehen, was ich will, im Zweifel muss auch nur der Oberkörper bedeckt sein (man darf halt nicht im Meeting aufstehen). Körperpflege und Bürobekleidung sind plötzlich nicht mehr so wichtig, stört ja niemanden. Für mich persönlich habe ich aber herausgefunden, dass ich erst nach meinen Morgenritualen voll arbeitsfähig bin. Und nach Wochen in Hoodies gehe ich manchmal auch ganz gezielt im Sakko ins Homeoffice. Einfach weil ich’s kann. Die dummen Kommentare der Kollegen halte ich dann eben aus.

7. Das bleibt.

Ich glaube, dieses Homeoffice geht nicht mehr weg. Und das ist auch ganz gut so. Aber einstweilen freu ich mich darauf, in ein paar Monaten mal wieder im Büro oder im ICE arbeiten zu dürfen und dann wird es immer wieder mal einzelne Tage im Homeoffice geben. Gut, dass alle das jetzt kennen und man nix mehr erklären muss. Dann können wir uns nämlich einfach an die Arbeit machen.

Titelbild: Raj Rana auf Unsplash


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