5 Dinge, die ich über Onlinejournalismus gelernt habe (Teil 1)

Was genau macht eigentlich vernünftigen Onlinejournalismus aus? Wie unterscheidet er sich von anderen Formen des Journalismus? Letzendlich sind es einige wenige Punkte – im Folgenden versuche ich, die wichtigsten mal aufzuschreiben (Fortsetzung folgt).

Lesezeit: 8 Min., von Titus Gast gepostet am Wed, 14.11.2018
Tags: online, journalismus, onlinejournalismus, rechtschreibung, seo, social

Man sollte meinen, nach einem Vierteljahhundert wäre Onlinejournalismus so was von Mainstream, dass seine Regeln allgemein bekannt sind. Allerdings bin ich in einigen Seminaren in der Vergangenheit immer wieder über ein paar Punkte gestolpert, die ich gerne mal aufschreiben wollte. Denn es hilft mir selbst bei meiner momentan eher nicht so journalistischen Tätigkeit, sich diese paar Punkte immer wieder bewusst zu machen, um zu verstehen, was guten Journalismus im Netz ausmacht und wie er funktioniert.

1. Wer ernst genommen werden will, achtet auf Rechtschreibung.

Früher dachte ich, dass Journalisten die deutsche Sprache perfekt beherrschten, weil sie ja ihr primäres Handwerkszeug ist. Ja nun, was soll ich sagen … Schon früher als Radio-CvD habe ich die Rechtschreibfehler in Manuskripten nicht mehr korrigiert, sondern nur noch in den für andere sichtbaren Bereichen (Anmoderation, Titel), weil ich sonst nicht fertig geworden wäre. Klar, beim Radio hört’s ja auch keiner. Das Problem ist: Ich hatte nicht den Eindruck, dass das in Onlineredaktionen recht viel besser ist – allenfalls ist die Quote derer, die einigermaßen sprachsensibel sind, etwas höher. Also liegt sie vielleicht so bei 20 bis 30 Prozent statt bei 10 Prozent. So erinnere ich mich unter anderem an lebhafte Diskussionen gestandener Onlineredakteure darüber, ob man nun „FC-Bayern-Trainer“ durchkoppeln müsse oder nicht (Spoiler: Muss man). Und fragt mal einen Journalisten, wie er das Wort „Porträt“ schreibt – in gefühlt 90 Prozent der Fälle dürfte die Antwort „Portrait“ lauten, was nicht schlimm ist, aber schon lange hoffnungslos veraltet (sage nicht ich, sondern der Duden; hier ist die Geschichte des „Porträts“ noch etwas ausführlicher aufgeschrieben). Dass „dass“ und „das“ vernünftig unterschieden werden, erwarte ich schon gar nicht mehr.

Kleinigkeiten, zweifellos. In einem schnöden Alltagstext würde man über all das hinwegsehen. Das Problem ist: Wenn mehrere sprachliche Fehler in einem Text auftauchen, womöglich systematisch und regelmäßig – wie genau mag es der Autor dann mit den Fakten nehmen? Wie ernst muss ich dann das Medium nehmen, das offensichtlich kein oder nur ein unzureichendes Vier-Augen-Prinzip (jemand liest nochmal Korrektur) hat?

Zeitungen hatten früher Korrektoren – für ein Medium wohlgemerkt, das am Tag darauf meistens schon im Altpapier oder in Archiven landete. Wenn wir den Maßstab der Haltbarkeit an Onlinejournalismus anlegen würden, bräuchten wir dafür ungefähr Superkorrektoren, denn gute Online-Inhalte haben ja eine deutlich längere Halbwertszeit als einen Tag. Dem Konzept nach werden sie für die Ewigkeit geschrieben. Und da soll weniger Sorgfalt nötig sein?! Das führt uns übrigens direkt zum nächsten Punkt.

2. Das Internet vergisst nichts.

Im Grunde sind alle anderen Medien linear: Sie werden nur für einen bestimmten Zeitpunkt produziert und sind dann veraltet oder versendet. Das bedeutet: Sie sind nur zu einem bestimmten Zeitpunkt aktuell. Nun sind natürlich die linearen Medien par excellence – Radio und Fernsehen – schon heute nicht mehr so richtig linear, weil: Podcasts und Mediatheken … Auch Zeitungen pusten ihre Inhalte ins Netz und sind damit keine Zeitungen mehr. Aber all das blenden wir mal kurz aus.

Das Internet wurde gestaltet als ein riesiger Wissensraum, in dem alle Inhalte miteinander verbunden werden können, verbunden bleiben und auch online bleiben. Wenn eine Seite nicht (mehr) verfügbar ist, weist mich mein Browser nicht etwa freundlich darauf hin, dass ich leider die Sendung verpasst habe, sondern er schreit: Fehler! 404! Fehler! Internet kaputt!

In der Architektur des Internets ist es also ein Fehler, wenn Inhalte verschwinden. Oder andersherum: Dieses Internet ist konzeptionell auf Ewigkeit angelegt – nur durch technischen Dilettantismus oder mutwilliges Löschen (bzw. Verändern) kann ich Dinge entfernen – nichts verschwindet einfach so. Alles ist verfügbar, wann ich – User – es will und nicht wann es jemand druckt oder sendet.

Das bedeutet für mich als Journalist: Mein Inhalt muss so selbsterklärend und vom Kontext gelöst funktionieren, dass User auch in einem, zwei, fünf oder zehn Jahren noch was damit anfangen können. Sonst verliert der Inhalt an Relevanz. Das ist auch nicht schlimm, es muss nur für die User transparent gemacht werden, z.B. durch ein Veröffentlichungsdatum – dann ist diese zeitliche Einordnung der Kontext.

Bisweilen führt Onlinejournalismus auch zu erstaunlichen Ergebnissen, die ohne Publikation von Zitaten, Reden, Interviews im Netz auch gar nicht möglich wären. So wäre Horst Köhler zwar heute auch ohne Onlinejournalisten und Blogger nicht mehr Bundespräsident, wäre es aber doch wohl deutlich länger geblieben, wenn man sich diese Chronologie bei Carta anschaut. Christian Wulff vermutlich auch. Und Hans-Georg Maaßen wäre vielleicht auch noch ein paar Jahre Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz geblieben, wenn man manche seiner Aussagen mit einfachen journalistischen nicht so leicht hätte widerlegen können und seine „Abschiedsrede“ nicht dokumentiert worden wäre.

3. Gib Usern die Wahl zwischen Darstellungsformen.

Wenn ich gefragt werde, was Onlinejournalismus ist, dann antworte ich gerne: Inhalte strukturieren. Natürlich steht der Wortbestandteil „-journalismus“ noch für einiges mehr – allerdings kann man die schönsten Geschichten im Netz nucht erzählen, wenn man dafür nicht die richtige Struktur und das richtige Format findet. Das hat viel zu tun mit der Struktur des Internets – es geht hier ja darum, Inhalte zu verlinken. Es hat aber auch damit zu tun, dass das Medium und die Geschichte nicht an eine bestimmte Darreichungsform gebunden sind. Ich kann im Internet hören, sehen, lesen – das geht lang, kurz, bewegt oder statisch, interaktiv, klickend, scrollend … in all diesen Möglichkeiten die richtige Form zu finden, ist die Kunst des Onlinejournalisten.

Und: Idealerweise gibt es nicht nur eine Form, eine Geschichte zu erzählen. Jede noch so schnöde Webseite lässt sich auf unterschiedliche Arten nutzen, und für diese Nutzungsszenarien muss ich ein Angebot machen. Machen wir uns nichts vor: Kein User nutzt unsere Inhalte so, wie wir uns das vorstellen. Leute scannen Texte, lesen nur die Überschriften, gucken nur Videos, springen direkt zum letzten Absatz oder gucken nur die Bildunterschriften an. All das ist vollkommen in Ordnung! Wer seine User ernst nimmt, macht ihnen all das leichter – zum Beispiel durch:

  • Listen, die z.B. die wichtigsten Punkte zusammenfassen
  • Tabellen, die Vergleiche übersichtlicher machen
  • (Zwischen-)Überschriften, die eine Orientierung in der Seite ermöglichen und so dabei helfen, direkt zu den Teilen einer Seite zu gelangen, die relevant sind
  • Audios und Videos, die die Geschichte ergänzen, illustrieren, unterstützen, gerne auch auf andere Weise erzählen, aber keinesfalls zum Verständnis der Geschichte vorausgesetzt werden.

Deswegen sind übrigens auch Listicles so beliebt: Sie haben eine klare Struktur und ich kann mir als User genau die Abschnitte rauspicken, die mich besonders interessieren.

4. Eine Seite hat viele Gesichter.

Text regiert das Netz. Das sollte kein Wunder sein bei Inhalten, die auf dem „Hypertext Transfer Protocol“ übertragen und in der „Hypertext Markup Language“ ausgezeichnet werden. Allerdings macht man sich insbesondere in Zeiten von YouTube, Social Media und animierten Gifs viel zu wenig bewusst, wie sehr all diese Medien noch auf Text basieren, und sei es nur in Hashtags und Keywords (wobei da selten reicht, um damit wirklich erfolgreich zu sein).

Dennoch – oder gerade deshalb – ist die Trennung von Layout und Inhalt zu einem wichtigen Prinzip des Onlinejournalismus geworden, denn ich kann als Journalist und auch als Medienunternehmen nur sehr begrenzt steuern, wie meine Inhalte dargestellt, konsumiert und wahrgenommen werden. Das bedeutet: Idealerweise kenne ich alle Plattformen, auf denen meine Inhalte dargestellt werden (tatsächlich wäre das inzwischen eine riesige Aufgabe) und gestalte sie so neutral, dass sie unabhängig von spezifischen Plattformkontexten funktionieren.

Hier nur ein paar willkürliche Beispiele für eigene Plattformen:

  • Eigene Webseite (Desktop, mobil, mit jeweils verschiedenen Darstellungsvarianten)
  • RSS-Feed (verschiedene Ausspielungsformen)
  • App (je nach Gerät und Betriebssystem mit unterschiedlichen Varianten)

Hinzu kommen die ganzen fremden Plattformen, auf denen meine Inhalte präsent sind:

  • Facebook, Twitter, andere soziale Netzwerke
  • Suchmaschinen
  • andere Webseiten (z.B. bei Embedding)

In der Regel möchte man ja auch auf vielen Plattformen präsent sein. Das setzt aber voraus, dass Inhalte logisch strukturiert sind, um von Programmen verarbeitet werden zu können (siehe oben).

Beispiel Suchmaschinenoptimierung: Ich muss wissen, was Suchmaschinen von meinen Inhalten anzeigen und analysieren, um User über diesen Weg zu gewinnen. Wer keine Keywords in Überschriften schreiben will, muss sich jedenfalls nicht wundern, wenn die eigenen Inhalte nicht durch die Decke gehen.

Ja, klar, auch ich schreibe manchmal einfach Texte ins Internet. Für gewöhnlich recherchiert man aber ein bisschen – was dann auch oft online stattfindet – und hat dann Quellen für Thesen und Behauptungen. Das Schöne an diesem Internet ist ja: Niemand ist allein, Quellen sind nur einen Klick entfernt. Das sollte man auch als Journalist nutzen:

„Do what you do best, link to the rest.“ Jeff Jarvis

Wer das Prinzip des Hyperlinks verstanden hat, der spart sich so nicht nur eine Menge Schreibarbeit (denn man muss dadurch nicht alles wiedergeben, was man auf der Quellseite gesehen hat, sondern nur kurz zusammenfassen), sondern tut auch noch was für die eigene Glaubwürdigkeit – denn durch dieses Maß an Transparenz über die benutzten Quellen wird für die User besser nachvollziehbar, wie ich als Journalist zu meinen Erkenntnissen komme. Ganz zu schweigen von den positiven Netzwerkeffekten, die sich dadurch gegenüber Suchmaschinen ergeben können. Und: Man kann sich auch selbst verlinken.

Deshalb zum Abschluss hier noch ein Linktipp: Jeff Jarvis erklärt selbst noch etwas detaillierter, was es mit dem Verlinken auf sich hat.

Ich plane, diese Liste demnächst noch zu erweitern. Also dranbleiben für den zweiten Teil. ;-)

Titelfoto: Free-Photos auf Pixabay


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