Facebook ist kaputt – und das ist wahrscheinlich ganz gut so

Lesezeit: 5 Min., von Titus Gast gepostet am Sun, 21.1.2018
Tags: hate speech, hasskommentare, soziale netzwerke, journalismus, onlinejournalismus, politik, facebook

Vor ein paar Tagen hab ich mich noch über meine Herzen-Strategie bei Facebook gefreut. Nun weiß ich: Die funktioniert auch deshalb so gut, weil Facebook den gerade erst angekündigten Newsfeed-Umbau schon lange begonnen hat. Daniel Bouhs hat für die taz ein wenig dazu recherchiert und herausgefunden, dass der Umbau bei Facebook vermutlich schon seit dem Spätsommer, mindestens aber Herbst 2017 läuft:

Im Netz diskutieren JournalistInnen über die Auswirkungen. „Das eine ist, was Facebook sagt (vergangene Woche), und das andere, was Facebook macht (seit Oktober 2017)“, notiert etwa Sebastian Fiebrig aus der deutschen Redaktion von BuzzFeed. Setzt Facebook also schon seit Monaten die aktuelle Ankündigung um? „Ich würde den Beginn der Umstellung auch eher im Spätsommer verorten“, ergänzt Sophie Wanke von der Mediengruppe DuMont (Kölner Stadt-Anzeiger, Berliner Zeitung). Auch Patrick Weinhold, der das Social-Media-Team der „Tagesschau“ leitet, glaubt an eine schleichende Veränderung – zulasten klassischer Medieninhalte. Mit Zuckerbergs Ankündigung vor ein paar Tagen habe sich praktisch nichts verändert. Allein: „Facebook schraubt unserer Beobachtung nach bereits seit Anfang Oktober kräftig an seinem Algorithmus“, sagt Weinhold. „Reichweiten haben sich plötzlich massiv verändert.“

In diesem Umfeld funktioniert eine „Herzen-statt-Hass“-Strategie natürlich umso besser; wo ich mehr Posts von Freunden sehe und weniger von Medien, bleibe ich komfortabel in meiner Meinungsfilterblase von Journalisten und einigermaßen wohlerzogenen und gebildeten Freunden. Das macht es dann natürlich einfach, Herzen, Likes sowie ab und an mal eine Träne oder ein Wow zu verteilen, aber die Wut außen vor zu lassen. Man bekommt – zumindest wenn man den einschlägigen Publikationen nicht folgt – auch weniger Falschmeldungen zu sehen und fühlt sich weniger bemüßigt, auf diese entsprechend zu reagieren.

Nächster Schritt: Facebook will glaubwürdige Medien

Facebook verkauft uns das Ganze ja als große Verbesserung. Und es hat fast den Eindruck, als wäre man mit der Reaktion der Medienlandschaft noch nicht ganz zufrieden gewesen. Deswegen legt Mark Zuckerberg nun noch einen drauf und verspricht uns, in Zukunft vertrauenswürdige Medien zu bevorzugen:

„As part of our ongoing quality surveys, we will now ask people whether they’re familiar with a news source and, if so, whether they trust that source.“

Das hört man natürlich gerne als Medienmacher, der sein Medium prinzipiell als ziemlich vertrauenswürdig einstuft.

Für mich klingt das wie: „Uns gefällt nicht so gut, welchen Medienquellen bei Facebook besonders viele Menschen vertrauen. Deswegen fragen wir die Menschen nun, welchen Medienquellen sie vertrauen und machen die dann sichtbarer.“ Im Ergebnis kann das die Situation, die wir hier beklagen, verschärfen. Denn ich kann mir ziemlich gut vorstellen, dass sich das als wunderbares Konjunkturprogramm für Publikationen wie „RT Deutsch“, „Epoch Times“ oder „Deutsche Wirtschafts-Nachrichten“ erweist. Schließlich würde deren Publikum die jederzeit als besonders vertrauenswürdig einstufen. Und selbst wenn Facebook das irgendwie abgefedert bekommt … Was passiert eigentlich, wenn die einschlägige Empörungsmaschinerie bei dieser Art Umfragen gegen die „Lügenpresse“ und den „Staatsfunk“ in Stellung gebracht wird?

Ein beunruhigender Gedanke: Braucht Facebook eigentlich Medienhäuser?

Während ich mich so durch die Diskussion dazu las, kam mir ein Gedanke: Warum sollte Facebook eigentlich ausschließlich traditionelle Medienhäuser im Sinn haben, wenn von „trustworthy news“ die Rede ist? Ich bin mir jedenfalls nicht so sicher, ob Zuckerberg uns (im Sinne von: Verlage, Rundfunkunternehmen, etc.) meint, wenn von „trusted sources“ die Rede ist. Ich erinnere nur daran, dass Google eine Zeit lang versucht hat, den „trust“ einer Quelle ausschließlich am Autor festzumachen. Letztendlich entspricht das auch den Funktionsweisen im Netz – es ist ja der einzelne Inhalt, der den Unterschied macht und nicht in erster Linie das Gefäß, in dem er steckt.

Facebooks jüngste Ankündigungen zeigen jedenfalls eines: Wir müssen Inhalte schaffen, die für ihre Nutzer den Unterschied machen. Es spricht sehr viel dafür, dass man mit einem großen Flächenabwurf bei Facebook in Zukunft nicht so viel Geld verdienen und nicht so viele User erreichen kann. Und wenn man sein Geschäftsmodell auf einem anderen Unternehmen aufbaut, hat man jetzt ebenfalls Schwierigkeiten. Ich möchte lieber nicht wissen, was gerade bei Buzzfeed so los ist. Beziehungsweise … ein wenig weiß man das ja sogar, wie Wolfgang Blau berichtet: „Buzzfeed trying to push its app - which is the ultimate home page.“ – und er verlinkt dabei auf einen Artikel, der die neue App-Strategie von Buzzfeed erklärt.

Wir müssen umdenken

Aber ganz ehrlich: Vermutlich ist das alles gar nicht so schlimm. All diese Ankündigungen und laufenden Umbauten bedeuten ja nur: Facebook besinnt sich auf seine Wurzeln, und das ist in vielerlei Hinsicht eine gute Nachricht. Für Medienanbieter gibt es halt nun mal auch kein verbrieftes Grundrecht auf kostenlosen Traffic. Martin Giesler hat das schön unaufgeregt zusammengefasst.

Wenn sich eines jetzt mit Sicherheit sagen lässt, dann dies: Alles in diesem Internet ändert sich immer wieder. So ist das bei der Art, wie wir suchen und finden. So ist das mit Apps und Bots. Und so ist das mit der Art, wie wir miteinander interagieren und Informationen zu uns kommen.

So veröffentlichte – was ich nicht für einen Zufall halte – etwa gleichzeitig mit Facebooks Ankündigungen auch eine Facebook-Tochterfirma ein Statement: WhatsApp Business kommt.

Kaum scheint die eine Plattform an Attraktivität einzubüßen, kommt die nächste um die Ecke. Fragt gerne Friendster, MySpace, Studi-/Schüler-/MeinVZ, Wer kennt wen und die Lokalisten. Es gab eine Zeit vor Facebook und es wird eine Zeit nach Facebook geben.

Und mal ehrlich: Bei den meisten Medien ist die wichtigste externe Plattform in Sachen Traffic immer noch die Google-Suche.

Übrigens auch nur solange, bis eine bessere Suchmaschine um die Ecke kommt, aber das ist eine andere Geschichte.

Update, 24.1.2018: [Die Umfrage, die Facebook starten will, scheint alle oben genannten Befürchtungen zu bestätigen]() (via Wolfgang Blau).

Titelfoto: markusspiske / Pixabay