Huch, meine Mediennutzung verändert sich – weg von sozialen Medien

Über Jahre haben soziale Netzwerke meine persönliche Timeline bestimmt. Ich merke: Das ändert sich gerade. Facebook macht den Job als Informationslieferant immer schlechter und die perfekte Alternative ist nicht in Sicht.

Lesezeit: 5 Min., von Titus Gast gepostet am Sat, 8.12.2018
Tags: online, journalismus, onlinejournalismus, netzwerke, seo, social, filterblase, facebook, twitter, instagram, rss

Ich vergesse in letzter Zeit häufiger, Freunden zum Geburtstag zu gratulieren. Also, um genau zu sein: „Freunden“, aber durchaus auch Freunden. Schuld daran ist Facebook. Beziehungsweise, ich weiß gar nicht genau, ob Facebook Schuld ist (wahrscheinlich bin ich es selbst), aber es ist der Grund, die Ursache.

Normalerweise vergesse ich Daten. Immer. Ich vergesse Geburtstage, verwechsle sie, meinen eigenen Hochzeitstag kann ich mir ebenfalls nicht merken (zum Glück geht’s meiner Frau ähnlich und wir haben Ringe, in denen wir nachgucken können) und völlig ausgeschlossen sind Aussagen von mir wie „ah, an diesem Tag war ich da und da und habe dieses und jenes gemacht“. Ich weiß nicht mal mehr, wann genau ich letztes Jahr in Urlaub war. In der Schule war ich auch nie besonders gut in Geschichte. Man musste ja Daten lernen.

Geburtstagsvergesser sind schlechte Menschen

Für solche Menschen ist die Geburtstagsfunktion von Facebook ein Segen: Die App oder die Webseite (die immer seltener) erinnern mich via Pushnachricht daran, dass ein mutmaßlich lieber Mensch heute eine kleine Gratulation verdient hat, und dann mache ich das. Kein peinliches „sorry, war vor ner Woche, hab ich vergessen“ mehr, das in einem „so wichtig bin ich dir also, buhuuuäääääh“ oder ähnlichem mündet. Schließlich ist es genau das, was alle von Geburtstagsvergessern und Langschläfern denken.

Facebook hatte mich sozusagen zu einem besseren, sozialeren Menschen gemacht, indem es mich Geburtstage nicht mehr vergessen ließ.

Um zum Punkt zu kommen: In letzter Zeit passiert es öfters, dass ich Geburtstage vergesse – und dabei hat Facebook daran gar nichts geändert. Im Gegenteil: Auf meinem Handy werde ich zuverlässig durch Push-Nachrichten erinnert.

Der Grund, warum ich es vergesse: Ich nutze Facebook manchmal tagelang nicht (oder nicht richtig).

„Papa liest die Zeitung“

Als meine Kinder noch jünger waren, hielten sie Facebook für die Zeitung; sie verwendeten genau diese Vokabel. Für mich funktionierte es auch genau so: Der News Feed war genau deswegen unverzichtbarer Teil meiner Morgenroutine geworden, weil er seinem Namen alle Ehre machte: Hier erreichte mich, was wichtig war – was nicht in meiner Timeline auftauchte, musste mir schon jemand erzählen, damit ich darauf aufmerksam wurde. Nie werde ich den Moment vergessen, also ich nach ca. einem Jahr mal wieder die Homepage von Mashable (oder war’s Techcrunch?) besuchte und nicht wiedererkannte – die hatten dort nämlich vor einiger Zeit schon massiv umgebaut; ich hatte aber nichts davon mitbekommen, weil meine Homepage Facebook war und ich die Website nur auf Artikelebene kannte.

War. Kannte.

Ich spreche in der Vergangenheit von Facebook, was natürlich maßlos übertrieben ist, weil ich es natürlich noch intensiv nutze. Aber eben nicht mehr so.

Facebook wurde zur „Bild“-Zeitung – vor allem im negativen Sinne

Mein Fremdeln begann schon vor ein paar Jahren. Was als ganz wundervolles digitales Lagerfeuer begann, an dem man langschonnichtmehrgesehene Freunde traf, alte Bekannte, frühere Kollegen, war zunächst eine familiäre Angelegenheit. Dann kamen „die Medien“, aber die waren immer noch irgendwie Freunde und freundlich. Erst als – hallo YouTube, ja, ich weiß, wir hätten es ahnen können – immer mehr Hater auftauchten, kippte die Stimmung etwas. Wenn ich Kommentare lese (und das tu ich häufig), fühle ich mich, wie früher in der Redaktion nach einer ausgedehnten Lektüre der „BILD“: ziemlich schmutzig, ein bisschen mitschuldig und überhaupt ziemlich negativ. Als ich nicht mehr von Berufs wegen die „BILD“ las, ging es mir besser. Bis Facebook diesen Grad der Negativität erreicht hatte.

Der #Fexit oder #QuitFacebook funktionieren nur halb

Ich habe den persönlichen Fexit ein paar Mal versucht. Das Problem ist: Soziale Netzwerke haben zu 99% mein „Surfen“ ersetzt, was prinzipiell großartig ist, weil ich durch Freunde und „Freunde“ immer wieder völlig neue Seiten und Blickwinkel entdecke. Es hilft mir (sollte ich schreiben: half mir?), die Filterblase zu überwinden, die durch ein festes Set an Anlaufstellen im Netz entsteht. Insofern halte ich auch das Gerede von der Filterblase für ein bisschen irreführend, denn ich bin mir sicher: Die Filterblase, in der sich z.B. FAZ-und-Lokalzeitungs-Leser bewegen, ist immer noch erheblich enger als die von Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg.

Twitter bot sich zunächst als großartige Alternative an, ist mir aber abseits von Echtzeitkommunikation zu anstrengend. Deshalb halte ich auch die gefilterte, algorithmisch gesteuerte Twitter-Timeline für einigermaßen sinnlos; wie oft passiert es mir, dass ich die App aufmache, großartige Inhalte entdecke, teilen will und feststelle: Mist, schon drei Tage alt. Die lachen mich ja alle aus, wenn ich das jetzt erst poste.

Was bleibt? Was kann ich tun?

RSS-Feeds, Pocket, Bookmarks – ich bin jetzt offiziell oldschool

Tatsache ist: Ich probiere Sachen aus. Ich habe mir einen Account bei Feedbin angelegt und nutzer mit Reeder und Readably echt schöne Apps dafür. Das macht Spaß.

Was auch Spaß macht, ist Pocket: Eine Zeit lang habe ich Instapaper genutzt, um Seiten später zu lesen – Pocket hat den Vorteil, dass es natürlicher mit Videos umgeht (die einen immer größeren, wenn auch nach wie vor geringen Teil meines Medienkonsums abseits von Fiction ausmachen). Außerdem ist es echt gut in Firefox integriert (klar, gehört ja auch der Mozilla Foundation) und hat Ansätze eines sozialen Netzwerks: Man kann anderen folgen und bekommt auch von Pocket kuratierte Empfehlungen.

Überhaupt, kuratierte Inhalte: Egal ob Newsletter oder eine persönliche Startseite … Es ist ein bisschen wie Internet vor einigen Jahren, nur mit Inhalten aus verschiedenen Quellen. Und manchmal sitze ich da, wenn ich meine Feeds gescannt, drei Dinge bei Pocket gelesen und zehn nicht gelesen habe und frage mich: Wo scrolle ich denn jetzt durch? Irgendsoeine Timeline wäre doch nett, aber ohne die negativen Sachen.

Manchmal lande ich dann bei Instagram. Nun ja. Da sind halt alle schön und erleben schöne Dinge, oft mit alten Sachen. Man darf nur nicht auf Medienprofilen die Kommentare lesen.

Ich speichere übrigens auch wieder Bookmarks ab. Im Browser.

Nur für die Sache mit den Geburtstagen muss ich mir noch eine Lösung überlegen, damit ich nicht immer auf Facebook immer Tage zu spät gratuliere.

Titelfoto: Pexels auf Pixabay


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