5 Dinge, die ich beim #ijf17 gelernt habe

Beim „Festival Internazionale del Giornalismo“ habe ich wieder eine Menge Dinge mitgenommen, die ich hier gerne teile. So sind zum Beispiel Bots recht liebesbedürftig und Webanalyse-Tools oft ungeeignet.

Lesezeit: 3 Min., von Titus Gast gepostet am Mon, 10.4.2017
Tags: onlinejournalismus, , bots, chatbots, webanalyse, constructive journalism, seo, italien, ijf

1. Auch Bots brauchen Liebe. Sie bekommen sie auch.

Egal, wie relevant Chatbots letztendlich für die journalistische Arbeit sind – man lernt dabei eine Menge darüber, was Menschen von Medienunternehmen erwarten. Sie schreiben es nämlich einfach.

Das bedeutet auch: Ein Bot, der einfach nur stumpf vorgefertigte Sätze raushaut und nicht reagieren kann, ist kein Erfolgsmodell. Die Erfahrungen z.B. von Jacqui Maher (Condé Nast International) und Eduardo Suàrez (Politibot) zeigen: Menschen interagieren mit Bots wie mit Menschen und stellen Sie auch auf die Probe. Da bekommt der Bot schon mal Heiratsanträge oder Liebeserklärungen. Blöd ist, wenn er dann auf „Will you marry me?“ oder „¡Me gustas!“ nur antworten kann, dass er das nicht verstanden hat.

2. Webanalyse-Tools sind großartige Marketing-Tools und lausige Tools für Redaktionen.

Was ich mir bislang nicht bewusst gemacht hatte, was aber eine Menge Probleme erklärt, die wir in Redaktionen bei der Einführung dessen sehen, was meist „Newsroom Analytics“ genannt wird: Die meisten Webanalyse-Tools (allen voran Google Analytics) wurden von Marketing-Leute für Marketing-Leute gemacht. Jon Wilks (Content Insights): „Although we have analytics in our newsrooms, most editors don’t know what to do about it.“ Journalisten interessieren sich i.d.R. nicht so für Conversion Funnels und ähnlichen Kram. Das einzige journalistische Tool ist Chartbeat, das allerdings als Echtzeit-Tool v.a. für tagesaktuelle Content-Entscheidungen taugt – aber nicht auf langfristige Analysen ausgerichtet ist. Für strategische Entscheidungen braucht man langfristige Daten, und dabei helfen einzelne KPIs wie Page Impressions und Visits nicht weiter, weil sie zu wenig über die Nutzerinteraktion aussagen.

3. Wir brauchen mehr konstruktiven Journalismus oder „Solutions Journalism“.

Ziel des „Solutions Journalism“ ist es, sich bei der Berichterstattung nicht nur auf zu berichtende Probleme zu konzentrieren, sondern immer die Frage nach möglichen Lösungen in den Blick zu nehmen. Kernfrage ist dabei: Was/Wo funktionert es denn? Vor allem im Hinblick auf die (durchaus auch investigative) Berichterstattung zu sozialen Themen kann das ein gutes Mittel sein. So hat zum Beispiel die Seattle Times über Bildungspolitik berichtet, indem sie Reporter in Schulen geschickt hat, in denen bestimmte Dinge gut funktionieren. Oder das Beispiel des New Yorker Radiosenders WNYC, der eine Reporterin zum Thema Jugendkriminalität in deutschen Einrichtungen für junge Kriminelle recherchieren ließ (der Resozialisierungsgedanke, der insbesondere dem deutschen Jugendstrafrecht zugrunde liegt, scheint im Vergleich zu den USA vergleichsweise effektiv zu sein). Wichtige Botschaft bei alledem: Vor allem jüngere Menschen wünschen sich einen stärker lösungsorientierteren Journalismus.

4. „SEO“ ist kein guter Begriff. Wir sollten ihn nicht mehr verwenden.

Der italienische SEO-Guru Alberto Puliafito nähert sich der Suchmaschinenoptimierung aus journalistischer Perspektive. Da ist es natürlich wenig verwunderlich, dass er zu ähnlichen Schlüssen gelangt wie ich. Interessant fand ich, dass in Italien offenbar viele Suchphrasen bzw. Keywords vom Fernsehen getriggert werden, z.B. weil Politiker Begriffe in Talkshows einführen und Leute diese dann aufschnappen und danach suchen. Darauf kann man dann als Journalist seine Inhalte optimieren.

Besonders hat mir gefallen, dass er nicht gerne von „Search Engine Optimization“ spricht, sondern von „Search Experience“. Das muss ich mir merken, weil es den Fokus wegnimmt von der Suchmaschine als Maschine und stattdessen auf die User richtet.

5. Die Mafia in Deutschland ist ein absolut unterschätztes Thema.

Hohen Gruselfaktor hatte das, was die Kolleginnen von Correct!v an Recherchen zur Mafia in Deutschland vorstellten. Besonders erschreckend ist das Ausmaß: Über 350 Mafioso sind als solche in Deutschland bekannt, wahrscheinlich reden wir insgesamt über mehr als 3.000 Leute. Bzw. reden nicht darüber – denn das Bewusstsein für dieses Problem ist weder bei den Strafverfolgungsbehörden, noch bei den Medien ausreichend vorhanden.

Ich hoffe, dass ich in den nächsten Tagen einige dieser Themen noch ausführlicher aufbereiten kann. Bis dahin empfehle ich die Videos aus dem offiziellen YouTube-Kanal des „Festival Internazionale del Giornalismo“.


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