Warum uns das Rieplsche Gesetz nicht helfen wird

„Kein Medium wird durch ein anderes ersetzt.“ – So haben wir es alle gelernt, wenn wir uns mal mit Kommunikation und Medien beschäftigt haben. Diejenigen, die sich besonders gut erinnern, können noch irgendwas wie „Rieplsches Gesetz“ als Quelle anführen. Ich fürchte, dass sich deshalb z.B. viele Radio-, Fernseh- und Zeitungsmacher in trügerischer Sicherheit wiegen: „Mein Medium wird schon überleben.“ Das stimmt so wahrscheinlich nicht.

Welche Auswirkungen die digitale Disruption auf klassische Medien haben wird, lässt sich heute allenfalls erahnen. Schließlich gibt es so was wie Onlinejournalismus erst seit etwa 25 Jahren. Und es gibt immer noch Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen. Das wird auch so bleiben, hört man (gerne mit Verweis auf den alten Herrn Riepl) bis heute von Kollegen – je nach Medium mal lauter, mal leiser. In der Wikipedia wird das Rieplsche Gesetz so zusammengefasst:

Das so genannte Rieplsche Gesetz der Medien besagt, dass kein gesellschaftlich etabliertes Instrument des Informations- und Gedankenaustauschs von anderen Instrumenten, die im Laufe der Zeit hinzutreten, vollkommen ersetzt oder verdrängt wird.

Wolfgang Riepl war Altphilologe. Das ist nichts Verwerfliches, im Gegenteil. Und seine Dissertation, der das berühmte Rieplsche Gesetz entstammt, verfasste er im Jahr 1913 zum Thema „Das Nachrichtenwesen des Altertums mit besonderer Rücksicht auf die Römer“. Nachrichtenwesen. Römer.

Kein Medium wurde durch ein anderes ersetzt. Das ist historisch gesehen möglicherweise richtig. Ich habe Riepls Arbeit nicht gelesen (mir das aber fest vorgenommen) und kann darum noch nichts über die Bedeutung der Postkutschen oder reitenden Boten vor 100 Jahren sagen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass deren Bedeutung schon damals nachließ und diese Entwicklung bis heute anhält.

Wer nutzt heute reitende Boten?

Die Frage, die sich anscheinend keiner stellt, lautet: Was bedeutet es eigentlich, wenn ein Medium im Rieplschen Sinne nicht ersetzt wird? Konkret: Welche Bedeutung haben die Kommunikationsmittel des Altertums heute? Wie viele Menschen waren damals in diesen Bereichen beschäftigt und wie viele sind es heute?

Oder, wenn wir mal das Altertum verlassen: Wie viele reitende Boten gab es im Mittelalter? Wie viele heute? Wann habe ich den letzten persönlichen Brief eines Freundes gelesen?

Trügerische Sicherheit

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Rieplsche Gesetz zwar weiterhin als nicht widerlegt gelten mag, aber auf die digitale Disruption im Journalismus schlicht nicht anwendbar ist. Im Gegenteil: Es wiegt die Zeitungs-, Zeitschriften-, Radio- und Fernseh-Macher in einer falschen Sicherheit, die sie letztendlich den Job kosten kann.

„Demzufolge nutzen 45 Prozent der Onliner ab 14 Jahren mindestens einmal wöchentlich Bewegtbild im Internet, und zwar zu 34 Prozent Videoportale, 14 Prozent sehen zeitversetzt und 8 Prozent live im Internet fern, 9 Prozent nutzen Sendermediatheken und 6 Prozent Videopodcasts. „

So steht es in der neuesten ARD-ZDF-Onlinestudie, die Richard Gutjahr sehr treffend zusammengefasst hat. Wer allerdings im Original weiterliest, findet da wieder diesen Satz: „Durch die vielfältigeren Nutzungswege und Selektionsmöglichkeiten wird die Bindung an Marken und Formate immer wichtiger, dennoch ersetzt kein Medium das andere.“ Da ist er wieder, dieser Satz. Alles gut, alles bleibt wie immer, kein Grund zur Beunruhigung, mag man sich an dieser Stelle als verunsicherter Fernsehmacher denken.

Sieht man sich ein wenig mit offenen Augen um, kann man selbst dem Zitat oben entnehmen: Fernsehen und Bewegtbild sind nicht dasselbe. Die 34 Prozent der Nutzung von Videoportalen sind eben kein Fernsehen und Fernsehsender spielen bei Abruf- und Abonnentenzahlen auch definitiv in einer anderen Liga (also der Regionalliga zum Beispiel), wie Bertram Gugel schon vor einiger Zeit durch Zahlen eindrucksvoll belegt hat.

Beispiel Wochenschau: Bewegtbildjournalismus in neuem Gewand

Vielleicht ist das Rieplsche Gesetz ja sogar auf all diese Entwicklungen anwendbar. Aber selbst dann bedeutet das Weiterbestehen eines Mediums ja nicht, dass dessen Inhalte und Verbreitungswege erhalten bleiben. Früher sind Menschen (auch) ins Kino gegangen, um Nachrichten zu sehen und im Fernsehen wurden Radiosendungen und Theateraufführungen gefilmt. Das hat sich alles geändert und ich liege wahrscheinlich nicht falsch mit der Behauptung, dass sich die Berufsaussichten für Wochenschau-Journalisten mit dem Siegeszug des Fernsehens einschneidend verändert haben. Und es würde mich nicht wundern, wenn diese anfangs über die Qualität in diesem anderen Medium mit dem kleinen Bildschirm ordentlich die Nase gerümpft hätten. Tatsache ist: Es gab Zeiten, in denen das Kino das Medium für Bewegtbildjournalismus war. Dann kam das Fernsehen. Ich sehe keinen Grund, warum solche Entwicklungen nicht genauso wieder passieren könnten.

Fernsehen = großer Internet-Bildschirm?

Es kommt natürlich darauf an, wie man Fernsehen definiert. Für meine Töchter ist Fernsehen heute bereits völlig losgelöst von Sender und Übertragsweg. „Etwas im Fernsehen sehen“ bedeutet für sie: „Bewegtbild auf einem großen Bildschirm anschauen“. Ihnen ist es egal, ob das eine KiKa-Aufzeichnung, eine DVD, ein heruntergeladener Film oder eine Serie auf Amazon Instant Video ist. Und genau das wird sich nicht ändern. Sie werden aber ganz sicher nicht – außer zu Live-Events – auf die Idee kommen, dieses Gerät zu einem bestimmten Zeitpunkt einzuschalten, weil nur zu diesem Zeitpunkt ein gewünschter Inhalt zu sehen ist. Denn hierbei handelt es sich um eine funktionale Einschränkung, die einem altmodischen Übertragungsweg geschuldet ist – nicht um ein wichtiges Feature des Prinzips „großer Bildschirm“.

Wer heute Kind ist, wird IP-Übertragung und Interaktivität als einen natürlichen Übertragungsweg begreifen, falls er/sie sich überhaupt jemals für die dahinter liegende Technik interessieren will oder muss. Und wenn diese Kinder etwas über das Weltgeschehen erfahren wollen, werden sie später zeitgleich zu irgendwelchen Serien oder Filmen eben ihre Smartphones zücken, genau wie ihre Eltern.

Deswegen verschwindet das Medium Fernsehen natürlich nicht. Es verändern sich aber die Inhalte und Darstellungsformen – und dies zum Teil sehr dramatisch. Das kann einem – wenn man diese Inhalte macht – Angst machen. Vor allem ist es aber eine großartige Chance, die Inhalte von ihrem engen Korsett des Mediums zu trennen und immer die richtige Form für einen Inhalt finden. Wenn man als Journalist neugierig genug ist (sollte man ja sein, oder?), macht das einfach eine Menge Spaß. Und darum geht’s ja eigentlich.

 

titus

 

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