Warum es Audios im Web so schwer haben – ein Erklärungsversuch

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Ich bin es ein bisschen leid. Aber mir blutet als langjähriger Radiomacher halt auch das Herz, deswegen muss ich auch mal wieder was zum Thema „Audio im Web“ schreiben. Warum verdammtnochmal wollen alle Bilder und Videos, warum werden Texte gelesen, aber keine Audios gehört? Nach der Lektüre eines guten Artikels des kundigen Kollegen Krüger (ja, ich alliteriere halt schon gerne) und einiger Diskussion auf Twitter komme ich zu dem Schluss: Es hat etwas mit Architektur und Design zu tun.

Ich finde es großartig, wenn sich Journalisten Gedanken darüber machen, wie sie in Zukunft ihr Publikum finden und erreichen wollen. Immer. Überall. Ich bin sogar der Meinung, dass das in diesen Zeiten jeder machen sollte, und es sollte auch jeder Dinge ausprobieren – denn wir stehen erst am Anfang einer umfassenden Digitalisierung und keiner kann einigermaßen sicher sagen, wohin sich das alles entwickelt.

Sicher ist nur: Wenn wir einfach weitermachen wie gehabt – wir senden in Radio und Fernsehen Dinge hintereinander weg und lassen es damit bewenden – wird das wohl nicht so ganz zukunftsträchtig sein.

Aber was bedeutet das, Audio im Netz? Ist es wirklich „das schwarze Schaf des Onlinejournalismus“?

Wie schon angedeutet: Marc Krüger hat ein paar großartige Ideen skizziert, wohin die Reise gehen kann und was den O-Tönen auf dem Weg ins Netz bislang einfach fehlt. Pflichtlektüre für jeden Radiomacher, der sich Gedanken macht, wie er seinen Weg ins Digitale gestalten kann. Besonders wichtig finde ich den Verweis auf die Metadaten, die zunächst mal nichts mit dem eigentlichen Produkt zu tun zu haben scheinen: Fotos, Metadaten, Titel, etc. Marc selber fasst seine Ideen so zusammen:

  1. Audios müssen sofort ins Internet (und damit auch in Apps)
  2. Text muss sein: ein guter Teaser, Hinweise zum Inhalt, saubere Tags, Längenangabe
  3. Jedes Audio braucht ein Bild, auch in Mediatheken
  4. Audios müssen leicht zu teilen sein: (Kurz-)Link, Teilbuttons
  5. Lieber kürzere Audios; längere (>5min) sollten extra aufbereitet werden
  6. Wichtige Inhalte wie O-Töne sollte es auch als Text geben
  7. Es muss immer weitergehen: Audio-Slide-Shows, Multimedia, Experimente

All diesen Ideen liegt im Grunde eine Prämisse zugrunde: Was wir fürs Radio produzieren, ist (in jedem Kontext) gut, so wie es ist, und muss fürs Netz nur noch anders aufbereitet werden.

Ich glaube inzwischen, diese Grundannahme ist falsch.

So sehr ich mir wünschen würde, dass es so einfach wäre, so sehr sehe ich doch auch jeden Tag, dass eben eine einfache Übertragung klassischer journalistischer Produkte ins Netz nicht funktioniert. Sie bleiben nämlich auch dann analoge Produkte, wenn sie ins Netz gedruckt oder gesendet werden.

Audio ist nicht deshalb gut, weil es Audio ist

Es ist das Grundproblem der Zeitungen, das Grundproblem des Fernsehens und erst recht des Radios. Damit das funktionierte, müssten User bewusst die Entscheidung treffen: „Ich möchte jetzt einen Radiobeitrag im Internet hören.“ Ich glaube, das geht an der Relaität vorbei. In Wirklichkeit sagen sich die User nach meiner Erfahrung: „Ich will jetzt was zu diesen Video Music Awards wissen“, „Ich will jetzt wissen, was im Irak passiert“, „Ich will jetzt wissen, wie das neue Album von Band XYZ ist“ oder „Ich will Infos zu [beliebiges Thema einsetzen]“.

Davon, was mein User/meine Userin von mir erwartet und was ich erzählen kann, hängt die ideale Darstellungsform ab. Klar, so ein Feature kann große Kunst sein und lässt mich vielleicht in eine ganz andere Welt eintauchen als eine Video-Reportage oder eine Scroll-Doku oder eine Bildergalerie – aber: Es hängt vom Thema ab.

Radio hat das Problem, dass es nur eine Darstellungsform gibt, die funktioniert: Das Audio, in unterschiedlichen spezifischen Darstellungsvarianten. Bei Fernsehen und in Printprodukten ist das nicht anders. Nur: Diese Beschränkung, die der Übertragungsweg den klassischen Medien auferlegte, existiert im Netz nicht.

Form follows function

Einzig und alleine die Geschichte und die User bestimmen, was eine gute Darstellungsform ist. Und die User vor allem dadurch, dass die Geschichte für sie eine klare Funktion erfüllen muss: Form follows function. Dieses Prinzip hat uns einige der großartigsten Gebäude und Möbel beschert. Und das gilt jetzt auch im Journalismus.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass das ein Fortschritt ist, auch wenn der eine oder andere Radiojournalist dafür künftig eine Kamera in die Hand nehmen und auf Rechtschreibung und Struktur achten muss. Experimentieren macht Spaß.

Welchen funktionellen Einschränkungen Audios im Web unterworfen sind, habe ich übrigens vor einiger Zeit auch schon mal aufgeschrieben.

 

titus

 

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