Bitte hier kopieren!

Lesezeit: 4 Min., von Titus Gast gepostet am Sun, 20.2.2011
Tags: journalismus, politik, recht, urheberrecht

Ist die Aufregung über die Doktorarbeit eines Ministers wirklich nur die Aufregung über ein paar fehlende Fußnoten? Und: Ist das diese Aufregung überhaupt wert? Ich bin ein bisschen erschrocken in den letzten Tagen. Erschrocken über Kommentare und Reaktionen. Und darüber, wie unterentwickelt ganz offensichtlich das Bewusstsein für das Urheberrecht ist.

Viele Kommentare zum Fall Guttenberg (wenn es denn einen Fall gibt), lauten sinngemäß wahlweise „Regt euch nicht so auf, jeder hat doch schon mal was abgeschrieben” oder „So eine Aufregung wegen ein paar Fußnoten, haben wir denn keine wichtigeren Probleme?” Volkes Stimme (sehr schön zu beobachten in den Facebook-Kommentaren hier und hier). Selbst Leute, die sich von Berufs wegen häufig mit Meinungsumfragen und Stimmungen befassen, wundern sich ein bisschen (so wie Jörg Schönenborn im tagesschau-Blog).

Ganz offensichtlich scheint es für viele kein großes Problem zu sein, wenn Menschen einfach Texte kopieren, woanders einfügen und dann als ihre eigenen ausgeben. Schon bei der Diskussion um Helene Hegemann und ihr irgendwie zusammenkopiertes Buch wurde ganz ernsthaft darüber diskutiert, ob das nicht auch irgendwie ganz okay und vielleicht sogar künstlerisch wertvoll sein könnte.

Ich habe Guttenbergs Doktorarbeit nicht gelesen. Andere, die das getan haben, fanden zumindest fundierte Indizien dafür, dass die Aufregung nicht ganz unberechtigt ist. Ob das, was sie gefunden haben, in wissenschaftlichem Sinne verwerflich oder nicht ist, muss und kann nur die Uni Bayreuth entscheiden.

Eine Dissertation ist – genau wie jede Abschlussarbeit eines Studiums – etwas anderes als eine x-beliebige Klassenarbeit oder eine Hausaufgabe. Und selbst da war es doch so: Wer beim Abschreiben erwischt wurde, hat sich geschämt. Er war sich bewusst: Hoch gepokert und verloren, also muss man die Konsequenzen tragen. Notfalls eben die Sechs oder das Nichtbestehen einer Prüfung. Bei akademischen Graden lautet in solchen Fällen die Konsequenz: Aberkennung eben dieses akademischen Grades. So oder so gilt: Abschreiben ist nicht gut. Niemals.

Ich sitze ein bisschen im Glashaus. Denn ich bin Journalist. Journalismus ist, zumindest in der Form, wie er heute in vielen Redaktionen betrieben wird, professionelles Plagiieren – wenn es gut läuft, mit Lizenz dazu. Ein gewisser  Teil journalistischer Arbeit in verschiedenen Medien besteht zum Beispiel darin, Agenturmaterial entweder 1:1 zu kopieren und abzudrucken bzw. zu versenden – oder es leicht umformuliert zu veröffentlichen. Die Agentur erlaubt das, weil der Kunde in aller Regel den Urheber nennt und auch für diese Texte, Bilder oder Filme bezahlt. Das ist der Deal. Wo kein Deal, da auch kein Recht zum Kopieren und Weiterverbreiten (das Kopieren alleine ist ja nicht unbedingt das Problem).

Nicht jedem ist das klar. „Steht doch im Internet, ist also öffentlich, dann kann ich das doch verwenden.” Es gibt durchaus Redakteure, die das Internet pauschal als Nachrichtenagentur verwenden. Ohne Deal. Ich weiß nicht, wie weit verbreitet das ist. Ich habe aber den begründeten Verdacht, dass selbst in Journalistenkreisen ein gewisser Mangel an Urheberrechtsbewusstsein herrscht. Genau das wird nun zum Problem: Wie soll ein Journalist, dessen Arbeit zu einem großen Teil darin besteht, Texte von anderen zu kopieren und für sein Medium aufzubereiten, seinem Leser/User/Zuschauer/Hörer klar machen, worin genau der Unterschied zwischen beispielsweise seiner Tätigkeit und dem Zusammenkopieren einer Dissertation besteht? Da hält man doch lieber die Klappe und erklärt es eben nicht. Ist ja auch so kompliziert und sowieso viel zu elitär, dieser ganze akademische Kram.

Wir leben in einem Land, in dem Menschen, die sich einfach Musik oder Filme „kopieren”, um sie anzusehen – die sie aber niemals als ihre eigenen ausgeben würden – mit absurd hohen Schadensersatzforderungen belegt werden. Wir leben in einem Land, in dem manche sogar darüber nachdenken, ob die gerechte Strafe dafür vielleicht eine Kappung der Internetverbindung sein könnte. Wir leben in einem Land, in dem die Politik auf Druck von Lobbygruppen aus der Musik-, Film-, und Medienindustrie Urheberrechtsgesetze verschärft oder über Leistungsschutzrechte für Verleger diskutiert, weil Suchmaschinen Links auf deren Seiten setzen und dabei z.B. Meta-Tags der entsprechenden HTML-Seiten verwenden – also Teile dieser Webseiten, die genau für diesen Zweck gedacht sind.

Aber wenn jemand Texte von anderen kopiert und als seine eigenen nicht nur ausgibt, sondern auch weiterverbreitet, dann soll das ein Kavaliersdelikt sein? Wenn diese ganze Debatte für etwas gut ist, dann sicher dafür: Dass wir lernen, dass es eben doch mehr ist als einfach ein netter Zug oder akademische Erbsenzählerei, wenn man sagt, woher man einen guten Text, einen wichtigen Gedanken oder was auch immer hat.

Um mehr geht’s übrigens auch bei dieser Doktorarbeit des Verteidigungsministers nicht: Die Frage ist – wenn ich alles an dieser Diskussion richtig verstanden habe – nicht, ob man zitieren darf. Sondern lediglich, ob man das ohne Quellenangabe darf. Meine Antwort darauf lautet: Nein – auch wenn das manche altmodisch finden.

Update (21.2.2011):Karl-Theodor zu Guttenberg ist ein Raubkopierer” bringt übrigens der Anwalt Thomas Stadler in seinem Blog klipp und klar das Problem auf den Punkt. Und spätestens an diesem Punkt wird klar: Ein Fall wie dieser hat nicht nur fatale Auswirkungen auf Forschung und Lehre, sondern auch auf die Politik. Siehe oben.


Posts zu ähnlichen Themen:


Kommentare zu diesem Post