Fernsehen im Netz

Lesezeit: 3 Min., von Titus Gast gepostet am Sun, 9.12.2007
Tags: internet, journalismus, medien, multimedia, video, videojournalismus

Ein paar interessante Gedanken und Erfahrungsberichte zu Web-TV sind gerade bei “Fliegendes Auge” zu lesen. Und die Einladung zur Diskussion “Was unterscheidet Web-TV von Fernsehen”. Die Frage sollten vielleicht besser Fernsehleute beantworten. Ich kann nur als Nutzer und Produzent kleinerer Web-Videos sagen, was ich sehen will und was eher nicht so sehr. Wahrscheinlich liegt die Wurzel allen Übels schon in den verwendeten Vokabeln.

Denn: Web-TV ist einfach ein großes Wort. Das klingt, als wollte man einen Fernsehsender im Netz aufziehen, der das herkömmliche Fernsehen womöglich ersetzt. Das ist in den meisten Fällen wahrscheinlich einfach Größenwahn. Abgesehen davon schränkt der Begriff inhaltlich ein, suggeriert er doch, dass es hier darum ginge, einfach Fernsehen zu machen – mit all seinen Stilvorbildern, Erzählformen, Stärken und Schwächen. Weil aber die Nutzergewohnheiten im Web anders sind (Web-TV ist ja nicht IPTV), muss es auch Unterschiede geben. Das ist bei anderen Medien auch so: Als Radio und Fernsehen entstanden, wurde ja auch nicht einfach aus der Zeitung vorgelesen, sondern es haben sich sehr schnell ganz eigene Darstellungsformen entwickelt. Die Schwierigkeit besteht darin, dass man sich halt nur an dem orientieren kann, was man kennt – und das ist herkömmliches TV. Also setzt sich da auch schon mal jemand hin und liest Nachrichten vor wie die Tagesschau – nur so schlecht, dass sich jeder offene Kanal auf die Schenkel klopft. Man muss sich – egal bei welchem Medium – schon überlegen: Wo liegen unsere Kompetenzen? Was können wir gut, wo sind unsere Leute stark? Ganz ehrlich: Bei den wenigsten Zeitungen und reinen Online-Redaktionen dürften z.B. die eigenen Leute begnadete Sprecher und Moderatoren sein. Also muss man seine Videos so machen, dass solche Mängel nicht offensichtlich werden oder sich ggf. Profis ins Haus holen. Das andere sind natürlich die Bilder: Nicht jedes Ereignis liefert die Bilder, die die Nutzer in Scharen ein Video anklicken lassen, und nicht jeder Reporter ist ein begnadeter Kameramann. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob man den Video-Bereich in Zeitungsredaktionen zwangsläufig komplett bei Online-Redaktionen ansiedeln sollte oder ob da nicht der eine oder andere Fotograf ganz sinnvoll zuarbeiten könnte.

Natürlich müssen Web-Videos kürzer sein. Sie dürfen sicher auch mal ein bisschen trashiger sein. Sie müssen aber immer den Erwartungen entsprechen, die ich als Nutzer an die entsprechende Redaktion habe. Eine überregionale Tageszeitung, die besonders seriös daherkommen will, braucht andere Videos als ein Jugendmagazin, was Radiosender videotechnisch treiben, muss zwangsläufig ganz anders aussehen als das, was von Tageszeitungen kommt. Insofern gibt es also zwei Ebenen, die für die Entwicklung ganz eigener Erzählformen und Formate relevant sind: Einerseits das Medium an sich, in dem Videos stattfinden (und damit die Rezeptionssituation, also z.B. Internet am Computer, Videos auf dem mobilen Player – im Gegensatz zum klassischen Fernsehen), andererseits die Art und inhaltliche Ausrichtung des Mediums, das die Web-Videos anbietet. Da ist viel Spielraum. Das ist verwirrend, wenn man damit anfängt, und da braucht’s viel Kreativität und Experimente.


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