Ja, ich bin Twitter-Tussi. Na und?

Titus Gast, Samstag, 10. November 2012, 00:17 Uhr • Rubrik(en): IRL, Mediengedöns, Netz

Wäre ich eine Frau, hätte ich es möglicherweise nicht so lustig gefunden, einfach nur meine Arbeit zu machen und dafür von einem Online-Medienmagazin als „Twitter-Tussi“ tituliert zu werden. Als männliche Twitter-Tussi fand ich es einigermaßen komisch. Denn wenn wir alle einfach mal einen Schritt zurücktreten und mit etwas Abstand auf uns gucken, ist das doch Realsatire, was wir da treiben: Tweets in anderen Medien vorzulesen. Oder?

Zunächst mal: Natürlich kann man über den Meedia-Artikel streiten. Wahrscheinlich ist er auch nicht besonders geglückt als Satire – vor allem ist es wahrscheinlich sogar ziemlich unnötig, Kolleginnen namentlich zu nennen. Viel lustiger wäre es wahrscheinlich gewesen, eine anonyme Klischee-Twittertussi zu beschreiben. Ob ich den Artikel sexistisch finden soll, wie es viele kritisieren? Keine Ahnung. Vermutlich müsste ich dazu eine Frau sein. Tatsache ist – und das wird auch in dieser Satire deutlich: Es ist im Fernsehen (und ich möchte persönlich ergänzen: im Radio) gerade mega-angesagt, aus dem Internet vorzulesen. Wenn man das lustig findet, kann man sich auch darüber lustig machen. Man kann auch ein paar Interviews zu diesem Phänomen machen. Ist auch lustig, aber auch irgendwie ernsthaft. Vielleicht besser.

Nun bin ich ja selbst einer dieser Internet-Vorleser im Radio. Ich habe HTML, ein wenig PHP und JavaScript, Bildbearbeitung, Videoschnitt und verschiedene andere Techniken gelernt, die man zum Publizieren im Web so braucht. Ich beschäftige mich mit Usability und Webdesign-Trends, weiß, wie man Dinge in so ziemlich alle mittelerfolgreichen sozialen Netzwerke bringt und wie man gucken kann, was mit diesen Dingen passiert, kann einigermaßen mit Tabellenkalkulation und habe gelernt, Page Impressions von Visits und Unique Visitors zu unterscheiden. Mit alledem stelle ich normalerweise mehr oder weniger komplizierte Dinge auf Webseiten an.

Und dann fand ich mich vorgestern in einem recht erfolgreichen Radioprogramm wieder und… las aus dem Internet vor, was andere Menschen über den Wahlausgang in den USA da rein geschrieben haben. Meine Qualifikation dafür war nur am Rande die Tatsache, dass ich a) lesen kann (Abitur!) und b) halbwegs professionell vorlesen kann (Radioerfahrung). Wichtiger ist bei solchen Entscheidungen, dass ich halt dieses Internet bei meinem Sender mache und mich ergo in diesem Netz auskenne. Siehe oben. (Am Rande sei bemerkt, dass @indiesemnetz übrigens ein sensationeller  Twitter-Username ist. Leider schon belegt.)

Wenn man als Onlineredakteur in klassischen Medien plötzlich den Job bekommt, das Internet zu erklären (weil man sich darin ja auskennt), dann mutet das erst mal seltsam an. Vor allem, wenn andere Kollegen für die spezifischen Themen mindestens ebenso kompetent wären: Dass ich Webseiten bauen und konzipieren kann, heißt ja nicht unbedingt, dass ich mich super bei Facebook auskenne, alle YouTube-Videos gesehen habe und der weltbeste Twitterer bin.

Davon abgesehen ist es für jemanden, der sich tagtäglich im Internet bewegt, in der Tat fragwürdig, aus dem Internet vorzulesen. Im schlimmsten (oder besten, je nach Standpunkt) Fall lesen wir den Zuschauern oder Hörern Dinge vor, die sie selber ja auch jederzeit lesen können oder vielleicht schon gelesen haben. Der „Netzreporter“ ist eigentlich ein fürchterlicher Anachronismus. Es gibt schließlich keine Zeitungsvorleser in Radio und Fernsehen, es fragt ja keiner: „Was tut sich denn in der Straßenbahn/am Telefon/zuhause bei den Hörern oder Zuschauern/wo auch immer sonst Menschen kommunizieren?“

Aus dem Internet zu berichten – in eigenen Rubriken und/oder mit eigenen Personen, deren Gesichter bzw. Stimmen die personifizierte Netzkompetenz sein sollen sind, zeugt in erster Linie davon: Das Internet ist in den klassischen Medien kein selbstverständlicher Kommunikationsraum. Es ist eine eigene Welt, eine „virtuelle“ wohl gar, etwas, das vom „richtigen Leben“ irgendwie getrennt ist.

Die wenigsten von uns Twittertussis werden das so empfinden. Die wenigsten jüngeren Zuschauer/Hörer/Leser werden das so empfinden. Aber all den anderen sollten wir eben erklären, dass es anders ist. Nicht nur in unseren Redaktionen, sondern eben auch in unserer Kundschaft vor den Geräten oder am Papier. Ich glaube, so gesehen haben wir Twittertussis eine wichtige Bildungsaufgabe – und eine tolle Chance. Weil unser Ziel aber eigentlich unsere eigene Abschaffung sein muss, sollten wir uns einfach einstweilen ein bisschen darüber lustig machen: Ja, ich bin Twittertussi. Na und?

Update, 11.11.2012: Der geschätzte Kollege Dennis Horn hat dazu auch sehr Lesenswertes gebloggt. Zitat:

„Ich träume von einer idealen Fernsehsendung. Einer ohne Internet-Vorleser. Mit einer Redaktion, die online ist. Und mit Moderatoren, die sagen, was Sache ist – egal, ob sie davon per Brieftaube, Telefon, Zeitung, E-Mail oder Twitter erfahren haben. Vielleicht können die Internet-Vorleser dazu beitragen: indem sie sich selbst abschaffen.“

(Danke,  Tobias Weckenbrock!)

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11 Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. Crooklyn am 11. November 2012 um 14:47 Uhr.

    Leute, kommt doch mal runter. Ich schätze euch junge Journalisten, die ihr euch mit dem “Netz” auskennt sehr. Aber wenn man sich innerhalb der Medien mit dem Web beschäftigt, muss es nicht gleich Pulitzer-Niveau haben. Demnächst ist es auch fragwürdig, Verkehrsmeldungen im Radio vorzulesen oder wie? Journalismus hat viel profanes, insbesondere in der Präsentation. Redaktionell gute Arbeit und Recherche sind die Basis. Wenn ihr den zwischen den Zeilen Genannten hier Vorwürfe machen wollt, dann bitte direkt und nicht durch die sexistische oder nerdige Blume!

  2. weckenbrock am 11. November 2012 um 14:49 Uhr.

    Über http://wdrblog.de/digitalistan/archives/2012/11/twitter-tussis_und_ipad-idiote.html drauf gestoßen und gern gelesen. Einfach nur mal so…

  3. weckenbrock am 11. November 2012 um 14:53 Uhr.

    Bin über http://wdrblog.de/digitalistan/archives/2012/11/twitter-tussis_und_ipad-idiote.html auf diesen Blogpost gestoßen und hab ihn gern gelesen. Ich sehe das aber etwas anders: Tweets ablesen ist eine Form von Themen- oder Nachrichtenauswahl, wie sie eine der obersten journalistischen Aufgaben ist. Das Internet, vor allem das zwonullige, ist sogar mehr denn das weltweite Nachrichtengeschehen, ein Riesen-Wust. Wie soll ich mich dort zurecht finden, wenn es nicht Leute gibt (seien sie meine Twitter-Community oder seien sie meine Fernsehmoderatoren), die mir die Links präsentieren, die ich interessant finde? Darum braucht es Werkzeuge zum Kuratieren, Live-Blogs und Twitter-Tussis.

  4. Titus Gast am 11. November 2012 um 15:03 Uhr.

    @weckenbrock: Danke für den Tipp zu Dennis Horns Artikel! Sehr lesenswert.
    Und inhaltlich: Ja, so ähnlich meinte ich das. Im Moment brauchen viele Menschen noch diese Orientierung – und wenn wir etwas nerdigeren Journalisten uns auskennen, dann liefern wir halt diese Orientierung. Dennoch halte ich es im Grunde mit Dennis: Internet-Vorleser sind ein Anachronismus. So lange Fernsehsender berichten, was in der Zeitung steht und Zeitungen zitieren, was das Fernsehen sendet und Radiosender berichten, was im Fernsehen passiert und was die Zeitungen schreiben, ist das vermutlich erstens konsequent und zweitens nicht wirklich so ganz schlimm anachronistisch.

  5. Frederic am 12. November 2012 um 14:57 Uhr.

    Wer noch mehr dazu lesen möchte: Warum ich finde, dass es Twitter-Tussis im TV braucht: https://plus.google.com/u/0/101647865456526978004/posts/VRdccXAUHfJ
    LG, Frederic

  6. gastauftritt.net » Twittertussi trifft wilde Netzgemeindler am 12. November 2012 um 22:22 Uhr.

    […] es vor allem ein großes Missverständnis. Das ist die Annahme: „Wer (wie u.a. Dennis Horn und ich) die mittelfristige Abschaffung der Twitter-Tussi fordert, möchte keine Tweets in klassischen […]

  7. Fernseh-Senioren brauchen Internet-Erklärbären | Journalisten-Training Oswald & Mrazek am 21. November 2012 um 12:12 Uhr.

    […] unsäglichen Artikel veranlasst, dessen Verlinkung ich mir hier spare. Dabei hat er den Begriff “Twitter-Tussi” geprägt, den viele Netzreporter – meist ironisch -aufgegriffen haben. Es entspann sich eine […]

  8. World Wide Wagner – Was sagt das Netz? am 22. November 2012 um 00:26 Uhr.

    […] * Gutjahr, Richard – “Was sagt das Netz?”, wwwagner.tv, 07.11.2012 * “Ja, ich bin Twitter-Tussi. Na und?” Titus Gast, 10.11.2012 * Fernseh-Senioren brauchen Internet-Erklärbären, Bernd Oswald, […]

  9. World Wide Wagner – Gutjahr, Richard am 22. November 2012 um 00:34 Uhr.

    […] bei DasErste * tagesschau-blog * twitter-Diskussion um neue Fernsehformate bei Carta.info Vgl.: * “Ja, ich bin Twitter-Tussi. Na und?”, Titus Gast, 10.11.2012 * Twitter-Tussis und iPad-Idioten, Dennis Horn, 11.11.2012 * […]

  10. Berufsbild Twitter-Tussi « verbandsperson am 22. November 2012 um 17:56 Uhr.

    […] mag das der Grund sein, warum aus es verschiedenen Richtungen  direkt böse Kritiken hagelte. “Eine ernsthafte Diskussion sei zu dem Thema durch Meedia […]

  11. Titus Gast am 9. Januar 2013 um 12:18 Uhr.

    Inzwischen ist das Thema auch bei der Stuttgarter Zeitung angekommen: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.internet-im-fernsehen-und-was-wird-dazu-getwittert.6c697264-d48b-4b9f-b9c1-a7bd78299499.html
    Meinen zweiten Artikel zum Thema haben sie aber anscheinend nicht gelesen. Dann vielleicht in zwei Monaten.

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