Mein Traum vom Geld verdienenden Ad-Blocker

Lesezeit: 5 Min., von Titus Gast gepostet am Mon, 13.5.2013
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Adblocker-Hinweis bei SpOn

Da guckt man nichtsahnend bei Spiegel Online vorbei – und wird gleich mal mit einem roten Kasten dumm angemacht: “Du böser User, du benutzt einen Ad-Blocker und bringst uns um unseren Verdienst”, steht da sinngemäß. Ähnliches fand sich bei Sueddeutsche.de, Zeit Online, [Golem.de][4] und noch einigen weiteren Portalen. Ja, ich benutze einen Werbeblocker. Nein, ich werde ihn nicht einfach so ausmachen. Aber die Aktion rief mir eine Idee in Erinnerung, die ich vor einiger Zeit mal hatte und schon lange mal aufschreiben wollte. Hier ist sie.

„Gegenwärtig verweigern etliche Nutzer Nachrichtenseiten wie SPIEGEL ONLINE ihre wichtigste Einnahmequelle: die Anzeigen. Ad-Blocker verhindern bei rund 25 Prozent aller Seitenaufrufe, dass Werbung ausgeliefert wird.“

So steht das da. Der rote Kasten will, das ich mich schuldig fühle. Und wenn ich drauf klicke, bekomme ich gleich noch mehr Schuldgefühle und eine Erklärung, wie ich sie los werde: Schenk unseren Werbeanzeigen deine Aufmerksamkeit, mach dein Adblock Plus (ABP) aus. Nur auf dieser Seite. Büttööööööö.

Danke, ihr mich auch. Wer mir so kommt, kommt erst recht nicht auf meine Whitelist. Aber: Natürlich sehe ich die Notwendigkeit, dass Onlineredaktionen sich durch Werbung refinanzieren müssen. Und natürlich weiß ich es zu schätzen, dass die Kollegen selbst genervt sind von manchen Werbeformen, die sie im Einsatz haben.

Sehr sympathisch finde ich übrigens, wie das Thema Ad-Blocker bei Golem.de kommuniziert wurde: Kein erhobener Zeigefinger, dafür erstaunliche Einblicke in das eigentliche Dilemma und wie die Redaktion versucht, trotz Werbung immer noch das beste für ihre User rauszuholen. Hier trieft wenigstens nicht aus jedem Zeilenzwischenraum ein beleidigtes “du nimmst uns da was weg” raus, sondern ich habe das Gefühl: Da hat sich jemand Gedanken gemacht und ist offen für Ideen.

Meine Idee: Der Werbeblocker als Einnahmequelle

Was ich bei der ganzen Aktion nicht verstehe: Anstatt User ihren Einsatz von Werbeblockern vorzuhalten – es ist schießlich Notwehr – könnten diese Redaktionen doch auch einfach ihre eigenen Werbeblocker bauen. Denn wer es hinbekommt, dass mehrere Redaktionen gleichzeitig eine Kampagne gegen Werbeblocker starten, der sollte mit vereinten Kräften auch einen besseren auf die Beine stellen können.

Ich meine: Warum hat noch niemand einen Werbeblocker erfunden, der die Anbieter bezahlt? Schließlich wäre das die klassische Win-Win-Situation: Der User bekommt keine Werbung, dafür bekommt der Anbieter Geld.

Das Prinzip dabei ist folgendes: Ich bezahle – also sehe ich keine Werbung. Ich will nicht bezahlen, also sehe ich Werbung. Golem.de schlägt übrigens genau das für die eigene Seite vor:

„Wir erwägen daher, im Laufe dieses Jahres ein kostenpflichtiges Abo für Golem.de anzubieten, mit dem Golem.de werbefrei genutzt werden kann. Wir wollen damit eine Alternative zur Werbefinanzierung anbieten. Eine sogenannte Bezahlschranke, wie sie einige Medien derzeit einführen, soll es ausdrücklich nicht geben.“

Allerdings gilt dieses Prinzip nur für die eigene Website, in diesem fall Golem.de. Warum eigentlich? Das Problem dabei ist nämlich: Will ich als User so einen Deal mit jeder x-ten Website schließen? Nein. Natürlich nicht. Das Problem ist doch nicht, dass wir als User nicht für hochwertige Inhalte im Netz bezahlen wollen. Das Problem ist, dass es zu kompliziert ist, weil jeder sein eigenes Süppchen kocht. Diese Erkenntnis ist natürlich nicht neu – siehe, was Richard Gutjahr zur Zukunft der Zeitung schreibt.

Flattr trifft Adblock

Und hier kommt der bezahlte Werbeblocker wieder ins Spiel. Denn die Kombination von Werbeblocker und Micropayment wäre ideal. Ich lade mein Ad-Blocker-Konto beispielsweise mit 30 Euro im Monat auf (gerne auch monatlich per Bankeinzug) und die Seiten, die ich lese, bekommen dann das Geld anteilig – wenn sie denn in dem Werbeblocker-Netzwerk mitmachen. Eine Kombination aus Flattr, Paypal und ABP, wenn man so will.

Nutzer dieses Bezahl-Werbeblockers bekommen auf den teilnehmenden Seiten keine Werbung angezeigt, auf Seiten, die nicht teilnehmen, dagegen schon.

Das sorgt dann letztendlich dafür, dass man bestimmte Seiten (eben die, die an diesem einfachen Werbesystem mitmachen) bevorzugt. Und: Ich kann mich als User sogar entscheiden, ob ich bestimmte Seiten häufig besuche und so wertvoll finde, dass ich von Werbung verschont werden möchte oder mir doch lieber die Werbung dort angucke, weil ich ihnen nicht direkt Geld geben möchte.

Und ich setze noch einen drauf: Wenn Seiten ganz fiese, penetrante Werbeformen einsetzen, wird dort (und nur dort!) weiterhin die Werbung geblockt.

Gewinn für alle (außer besonders fiesen Formaten)

So ist allen gedient: Der User hat auf seinen Lieblingsseiten seine Ruhe und bezahlt nebenbei noch einen guten Preis für seine Lieblingslektüre. Die Redaktionen, die mit guten Inhalten überzeugen, machen sich unabhängig von Werbung und werten ihre Seiten für regelmäßige Nutzer auf. Und die besonders fiesen Werbeformen werden einfach geblockt – überall. So gibt es auch noch einen Anreiz für Werbetreibende, sich neue, akzeptierte Formen zu überlegen.

Aber natürlich müsste man dazu vielleicht mit dem einen oder anderen Konkurrenten zusammenarbeiten und versuchen, den User zu verstehen. Also träume ich einfach weiter. Und mach das Häkchen bei einem Adblocker auf ein paar Seiten weg, die mir wirklich was bedeuten. Tut mir leid, Spiegel Online, für dich habe ich heute leider keine Ausnahmeregel. Aber das ist eine andere Geschichte.

_Nachtrag 13.5.2013, 21:30 Uhr: Lesenswert auch Thomas Knüwer zum Thema – auch er ist von der Kampagne genervt. Wenn mich nicht alles täuscht, entspinnt sich da in den Kommentaren aber ebenfalls ein zarter Diskussionsansatz darüber, wie sich Ad-Blocker vielleicht zur Refinanzierung nutzen ließen. Vielleicht ist die Zeit gar nicht so ungünstig für meine Idee._

_Nachtrag 14.5.2013, 9:30 Uhr: Das Problem ist hausgemacht und die User würden Werbung durchaus akzeptieren, wenn sie eben nicht so fürchterlich nerven und so penetrant der Aufmerksamkeitslogik linearer Medien folgen würde, erklärt Andreas Weck in seinem Blog. Das lässt nur einen Schluss zu: Es liegt an den Verlagen und der Werbeindustrie, onlinetaugliche Formate zu entwickeln. Auch richtig._

Nachtrag 15.5.2013, 6:45 Uhr: Dieser Tweet von Adblock Plus spricht für sich. Und dafür, dass Menschen selbstverständlich bereit sind, für gute – und werbefreie Inhalte – zu bezahlen.

[4]: <a href=


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