Was Online-Journalisten nicht erst morgen können sollten

Lesezeit: 4 Min., von Titus Gast gepostet am Fri, 22.3.2013
Tags: internet, journalismus, onlinejournalismus

Diskussionen im Netz über Onlinejournalismus sind für gewöhnlich bestes Popcorn-Kino. Da haut einer ein paar Thesen raus, und schwuppdiwupp sind sie wieder da, die Typen, die früher alles besser fanden und den Untergang des Abendlandes fürchten – nur weil jemand sagt: Leute, das mit dem Journalismus funktioniert anders als früher und darauf müssen wir Journalisten uns verdammtnochmal einstellen.

Es sind sehr unaufgeregte, aber kluge Thesen, die Andreas Weck bei den Netzpiloten in seinem lesenswerten Artikel „6+ Fähigkeiten, die der Journalist von heute drauf haben sollte“ aufstellt. Sie sind auch nicht wirklich revolutionär, Ähnliches hat man vor allem auf Englisch schon häufiger gelesen. Nur eben weniger auf Deutsch und in dieser komprimierten Form. Ich zitiere einfach mal nur die Thesen:

  1. Sei ein Vermarkter

  2. Sei ein Programmierer

  3. Sei ein Multimedia-Storyteller

  4. Sei ein Experimentator

  5. Sei ein Community-Manager

  6. Sei ein Blogger und Kurator

Natürlich kann man darüber diskutieren, in welchem Umfang und bis zu welcher Tiefe das alles notwenig ist. Viel bemerkenswerter als die Thesen an sich ist aber die Diskussion darunter bzw. darüber: Da sind sie wieder, die Bedenkenträger: „Das ist doch übertrieben. Das führt direkt in die Selbstausbeutung. Das muss der Journalist doch nicht um Himmels willen alles beherrschen!“

Und was macht ihr in den nächsten 20 Jahren?

Ich sage: Doch. Genau das muss er. Er muss nicht perfekt in all diesen Disziplinen sein, aber er muss sich für genau diese Sachen interessieren: Vermarktung, Programmierung, multimediale Möglichkeiten, neue Wege, seine Community, und alles, was um ihn herum passiert. Zumindest muss er das dann, wenn er, wie es ein Kommentator völig richtig bemerkt, noch ein paar Jahre in diesem Beruf verbringen möchte:

„Nicht erst angesichts der aktuellen Situation sollte sich wirklich spätestens jetzt jeder mit diesen Themen beschäftigen, der die nächsten 10, 20 oder 30 Jahre noch als Journalist sein Geld verdienen möchte.“

Natürlich setzt das voraus, dass man sich überhaupt mit Online-Journalismus beschäftigen will. Wessen Journalismus-Begriff sich darin erschöpft, Buchstaben einigermaßen sinnvoll aneinander zu reihen, der kann natürlich auch weiterhin Papier bedrucken oder Agenturmeldungen umschreiben und vorlesen.

Ich persönlich kann nur sagen: Ich habe mich oft geärgert, dass ich mich damals an der Uni eben dann doch nicht durch die Java-Vorlesung durchgebissen habe und heute unter anderem deshalb nicht so richtig programmieren kann, sondern „nur“ Webseiten bauen, einfache CMS wie WordPress einrichten und ein bisschen PHP lesen und verstehen. Was war ich sauer, dass erst lange nach meinem Berufseinstieg der Ausbildungsberuf des Mediengestalters angeboten wurde! Denn: Der Mangel an Software- und  Gestaltungskenntnissen schränkt den Horizont ein. Und ein großer Teil meines Berufsalltages besteht darin, genau diesen Horizont zu erweitern. Woher soll ich wissen, was onlinejournalistisch alles möglich wäre, wenn ich keine Ahnung von den Möglichkeiten habe, die ich theoretisch habe?

Ist Programmierung journalistisch?

Und dann kommt da dieses Argument mit der Arbeitsteilung: Ja, in guten Redaktionen werden Aufgaben aufgeteilt: Der Journalist schreibt, der Programmierer programmiert, der Grafiker… Genau da wird’s doch schon schwierig: Ist es etwa keine journalistische Aufgabe, mit Bildern zu arbeiten, gute Bilder zu machen, zu finden, zu bearbeiten? Selbst dass Programmierung eine urjournalistische Sache sein kann, haben nicht zuletzt die Macher von „Snowfall“ bei der New York Times bewiesen. Um solche Formen zu schaffen, braucht es Leute, die wissen, was HTML, CSS und JavaScript aktuell können. Sie müssen es nicht selbst programmieren können, aber sie brauchen die Vision, und der Programmierer braucht das journalistische Verständnis, um all das umzusetzen.

Journalismus am Fließband

Nein, bevor es so weit kommt, halten wir uns doch lieber an die gute alte Arbeitsteilung in den Redaktionen. In diese Richtung geht auch die Replik von Wolfgang Macht am selben Blog. Ausgerechnet Arbeitsteilung. Dieses Grundprinzip industrieller Massenproduktion, perfektioniert in der Autoindustrie. Massenproduktion. Fließbandarbeit. Während seit Jahren in der Industrie die Prinzipien des Fließbands hinterfragt werden – weil keine Identifikation mit dem Produkt mehr stattfindet – finden wir sie ausgerechnet in Bezug auf Journalismus klasse? Wollen wir wirklich Massenware am Fließband fertigen? Ist das unsere Vision von Journalismus?

Auch Handwerker arbeiten in Teams

Ich komme immer mehr zu dem Schluss: Als Prinzip, um guten Journalismus zu machen, taugt das nicht. Journalismus ist wie Handwerk. Das bedeutet nicht, dass jeder alles allein machen muss. Das machen gute Handwerker auch nicht. Klar gibt es Teams und verteilte Aufgaben. Aber es gibt ein gemeinsames Projekt. Ein Produkt. Und das hat eben mehr Facetten als einfach einen Text, den jemand aufschreibt.

Bilder? Nein, Journalismus!

Vor einiger Zeit erzählte mir ein Kollege die Geschichte von einem Praktikanten in einer Online-Redaktion. Der bekam die simple Aufgabe, ein paar gute Bilder in einer Bilddatenbank zu recherchieren und zu bearbeiten. Und darauf antwortete er: „Nein, Bilder möchte ich nicht so gerne raussuchen. Ich möchte lieber journalistisch arbeiten.“

Diese Haltung impliziert: Nur was jemand aufschreibt, ist Journalismus. Und das ist großer Quatsch. Vor allem online.

Update, 21:53 Uhr: _ Dieser länger Text von Süddeutsche.de-Chef Stefan Plöchinger zur Innovation im Journalismus ist übrigens auch ziemlich lesenswert._


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