App-Debatte: Viel Lärm um Nullkommairgendwas

Lesezeit: 8 Min., von Titus Gast gepostet am Mon, 4.1.2010
Tags: apple, apps, ard, internet, journalismus, medien, tagesschau

Heissa, was für ein Weihnachtsgeschenk! So eine schöne Medien-Debatte zum Jahresende bzw. -anfang gab’s doch lange nicht mehr: Nach den endlich überwundenen Auseinandersetzungen um den neuen Rundfunkstaatsvertrag wird jetzt die nächste kapitale medienpolitische Sau durchs analoge Dorf getrieben: Darf die ARD iPhone-Apps für Nachrichten anbieten? Schließlich könnten sich Verlage dadurch in ihrer Existenz bedroht fühlen. Ich habe mal ein paar Zahlen zum Thema zusammengetragen.

Worum geht’s in der Debatte? Kurz zusammengefasst: tagesschau.de hat eine kostenlose App angekündigt. Der Springer-Verlag verlangt für seine Bild.de- und Welt-Online-Apps jeweils Geld und will künftig iPhone-Besitzer auch für einzelne Inhalte extra zahlen lassen. Sprich: Springer probiert Bezahlinhalte auf dem iPhone (und iPod touch, das muss man immer wieder dazu sagen) aus. Deswegen verzerrt die ARD mit ihrer Gratis-App den Markt, sagt Springer. Tut sie nicht, und es entstehen dem Gebührenzahler damit auch keine nennenswerten Kosten, erklärt z.B. ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke im tagesschau-Blog (hier und hier). Wie diese Debatte geführt wird und worum es möglicherweise wirklich geht, hat Thomas Lückerath im Medienmagazin DWDL sehr schön beschrieben.

Nun werden in Debatten dieser Art viele Meinungen kurzerhand als Fakten maskiert und stehen dann recht dekorativ im öffentlichen Raum herum. Hintergründe? Fehlanzeige. Ich bin selbst nolens volens mitten in eine solche Debatte geraten und habe dann einfach mal das gemacht, was Journalisten (um die geht es ja hier eigentlich) immer machen sollten, bevor sie den Mund aufmachen oder in die Tasten hauen: Recherchieren. Also: Was ist dran am Vorwurf, die ARD bedrohe mit viel Marktmacht und Geld private Online-Angebote? Eine Antwort darauf könnten die jeweiligen Reichweitenzahlen bieten. Diese Zahlen sind zum großen Teil öffentlich. Bei der IVW (die die meisten Content-Angebote der Verlage erfasst) kann jeder die Visits (also Seitenbesuche) privater, werbefinanzierter Online-Medien einsehen. Die ARD veröffentlicht die Zahlen der Gemeinschaftsangebote (dazu zählt auch tagesschau.de) auf ihrem Sammelportal ARD.de. Das ist also meine Datenbasis für alle nun folgenden Rechenbeispiele.

Ich beschränke mich mal auf die 50 reichweitenstärksten Angebote im November 2009 (jeweils gemessen an den Visits). Neuere Zahlen liegen noch nicht vor. Zum Vergleich sind in der Tabelle unten auch die Zahlen von Juli 2007 angegeben. Der Übersichtlichkeit halber habe ich nur die Top Ten vollständig aufgelistet, ansonsten nur die Content-Angebote großer Massenmedienmarken. (Eine vollständige Aufstellung gibt’s hier als PDF zum Download.)

Pos. Angebot Visits Nov 2009 Visits Juli 2009 Preis für App
1 T-Online Contentangebot 432.877.352 373.129.980 -
2 MSN 271.928.305 272.900.137 -
3 yahoo 205.568.375 206.581.007 0,00 €
4 StudiVZ 176.244.039 177.280.574 0,00 €
5 wer-kennt-wen.de 167.072.576 157.446.900 -
6 schülerVZ 164.752.132 154.295.215 0,00 €
7 ProSieben Online 135.451.891 143.141.468 -
8 SPIEGEL ONLINE 121.528.785 113.005.581 -
9 Bild.de 117.210.129 105.207.972 0,79 €
10 meinVZ 110.194.619 99.244.473 0,00 €
18 ARD Online (incl. tagesschau.de)
40.700.000 37.700.000 -
19 RTL.de 38.452.862 58.592.732 0,00 €*
22 kicker online 31.066.454 28.830.598 -
24 heise online 27.702.827 26.944.923 0,00 €
26 Sport1 25.884.071 26.463.506 0,00 €
27 FOCUS ONLINE 25.794.395 24.301.088 0,00 €
28 sueddeutsche.de 25.633.156 23.995.509 -
29 WELT ONLINE 25.084.620 19.193.311 1,59 €
30 COMPUTERBILD.de 24.223.829 14.514.991 -
31 tagesschau.de 23.600.000 22.700.000 0,00 € **
32 N24 Online 22.022.606 19.400.972 0,00 €
33 n-tv.de 20.842.299 19.340.278 0,00 €
38 FAZ.NET 19.821.505 18.353.756 -
41 sat.1 online 18.696.945 13.435.674 -
44 stern.de 17.242.619 17.260.841 0,00 €
51 ZEIT ONLINE 13.222.322 10.974.261 -

Zwei Anmerkungen zur Tabelle:

  • RTL.de bietet zwar keine App für Inhalte der eigenen Website an, ist aber mit diversen kostenlosen Apps für Teilangebote in Apples App Store vertreten (z.B. zur Sendung „Wer wird Millionär?“)

** Die tagesschau.de-App existiert noch nicht, sondern wurde nur angekündigt.

Dass überhaupt ARD-Angebote in dieser Top-50-Liste auftauchen, mag manchen schon alleine deshalb bedrohlich erscheinen, weil viele private Content-Angebote von diesen Visit-Zahlen nur träumen können. Andererseits ist mit den Zahlen von ARD Online noch nicht die gesamten Reichweite der ARD-Onlinemedien erfasst, weil natürlich auch die einzelnen ARD-Anstalten eigene Websites unterhalten. Allerdings haben diese (von Ausnahmen wie Deutschlandfunk/Deutschlandradio abgesehen) eine regional klar umgrenzte Zielgruppe und können schon alleine deshalb nicht diese Visit-Werte erreichen. Vergleichbares Zahlenmaterial ist sicher recherchierbar, aber nicht an einem Sonntag Abend – und ich bezweifle auch, dass diese Angebote für diese Top50-Auswertung relevant wären.

Exakt zwei der Medienangebote in der Liste verlangen bislang Geld für ihre Apps: Bild.de und Welt Online. Die meisten anderen Medienhäuser bieten – wenn überhaupt – kostenlose Programme fürs iPhone an. Das folgende Schaubild zeigt, welche Reichweitenanteile (bezogen auf die komplette Internetnutzung) dem jeweils gegenüber stehen.

Gegenüberstellung der Visits führender deutscher Online-Medien und Apps, sortiert nach Angeboten.

Die Springer-Angebote alleine erreichen also mit ihren werbefinanzierten Webseiten bislang 22 Prozent der User, während die gebührenfinanzierten ARD-Gemeinschaftsangebote (darunter tagesschau.de) gerade einmal auf sechs (6) Prozent der Visits kommen. Nehmen wir nun mal an, alle privaten Content-Angebote, die bislang noch keine Apps anbieten, würden sich entscheiden, ebenfalls auf kostenpflichtige Apps und Paid Content nach dem Springer-Modell zu setzen, kämen diese zusammen mit Bild.de und Welt Online immerhin auf 39 Prozent der Visits in diesem Rechenspiel. Ähnliches könnten auch die privaten TV-Sender tun, die bislang keine Apps anbieten, macht weitere 24 Prozent, also insgesamt 63 Prozent. Kommerzielle Verlage, die ihre Inhalte über kostenlose Apps anbieten, kommen bislang auf 11 Prozent der Visits, bei den TV-Anbietern sind es 20 Prozent.

An dieser Stelle stellt sich also die Frage, warum die relativ reichweitenschwache ARD (mit ihren 6 Prozent der Visits) eine Bedrohung für den Wettbewerb sein kann, wenn die relativ reichweitenstarken Privatanbieter (insgesamt 31 Prozent der Visits), die ihre Apps ebenfalls kostenlos anbieten, dies zumindest nach derzeitigem Stand der Diskussion nicht sind. Doch Vorsicht mit diesen Zahlen: Wir reden hier ja nicht von tatsächlicher Reichweite über iPhone-Apps, sondern von Visits insgesamt. Die Zahlen, die sich durch solche Apps erreichen lassen, liegen um ein Vielfaches niedriger. Außerdem würde ich vermuten, dass iPhone- und iPod-Besitzer bestimmte Medienangebote lieber nutzen als andere – einfach weil beide Produkte sich eher an eine kaufkräftige, gebildete, technikaffine Zielgruppe richten. Sprich: Die Prozent-Zahlen sind eher nicht auf iPhone-Apps übertragbar.

Zurück zu den eigentlichen Fakten: Die Kritik an der Tagesschau-App geht davon aus, dass die ARD-Angebote an sich bereits eine gewisse Marktmacht im Internet erreicht haben, durch die private Nachrichtenangebote unter wirtschaftlichen Druck geraten. Deswegen schauen wir uns doch einfach mal genauer an, wie groß diese Macht eigentlich ist. Sortiert man die 50 reichweitenstärksten Online-Angebote in die Kategorien Verlage (Online-Medien von Print-Marken), private TV-Ableger (ohne sendereigene Community-Angebote und nicht direkt sendebegleitende Sites wie z.B. Wetter.com, Lokalisten, MyVideo, etc.) und nimmt noch die Zahlen anderer Online-Größen hinzu, die ich der besseren Lesbarkeit wegen in der Tabelle oben weggelassen habe, ergeben sich folgende Verhältnisse:

  • Online-Medien von Print-Marken: 447.756.806 Visits (14,65%)
  • Online-Medien privater TV-Anbieter: 280.374.630 Visits (9,18%) ***
  • ARD Online (ohne tagesschau.de): 15.000.000 Visits (0,49%)
  • tagesschau.de: 22.700.000 Visits (0,74%)
  • Sonstige: 2.289.887.874 Visits (74,94%)

In Prozent ausgedrückt und als lecker lesbarer Kuchen dargestellt, sieht das dann so aus:

Visit-Anteile privater und öffentlich-rechtlicher Internet-Angebote im Vergleich

Wir halten fest: tagesschau.de und alle anderen ARD-Gemeinschaftsangebote gehören zwar durchaus zu den 50 reichweitenstärksten Internet-Angeboten, bringen es aber gerade mal auf 0,49 Prozent + 0,74 Prozent = 1,23 Prozent der Visits. Im Vergleich dazu erreichen die in den Top 50 vertretenen privaten Verlagsangebote 14,65 Prozent der Gesamt-Visits. Private TV-Sites kommen auf 9,18 Prozent. Ja, dieser Vergleich hinkt. Denn das größte Stück des Kuchens sind ja sehr offensichtlich Communitys sowie Content-Bereiche von Internetprovidern (inklusive Portalen wie z.B. Yahoo, AOL, usw.). Andererseits: Communitys gehören oft Verlagen oder TV-Konzernen, müssten also streng genommen – es geht ja zumindest implizit um Marktanteile – diesen zugerechnet werden. Aber wir blenden das der Einfachheit halber (und damit zugunsten der ARD-Kritiker) mal kurz aus. Ebenso will ich hier nicht weiter auf das „Problem“ der Content-Seiten der Internetprovider eingehen. Nur soviel: Sie sind seltsamerweise noch nicht unter Beschuss geraten, obwohl sie seit sehr, sehr langer Zeit ihren durchaus sehr zahlreichen Mitgliedern und Kunden kostenlos Inhalte zur Verfügung stellen. Damit tragen sie ganz sicher auch zur vielgescholtenen „Gratis-Kultur“ bei und haben einen gewissen Einfluss auf den Markt der Online-Nachrichten. Jetzt tun wir aber einfach so, als gäbe es diese knapp 75 Prozent der Visits nicht. Dann ergäbe sich folgendes Bild:

Visit-Anteile nach Medienkategorien (Nov. 2009)

Aus den 1,23 Prozent der ARD-Gemeinschaftsangebote sind plötzlich satte 5 Prozent geworden, davon alleine 3 Prozent für tagesschau.de. 58 Prozent der Visits können redaktionelle Verlagsangebote für sich verbuchen, 37 Prozent die Websites der TV-Sender in diesen Top 50.

Ich glaube, es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welche dieser Angebote das größere Potenzial haben, irgendwelche Märkte wie auch immer zu beeinflussen. Eigentlich dachte ich auch, nach den ähnlich aufgeregten, aber auch ähnlich faktenarm geführten Diskussionen um dem 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag hätten wir die Grundsatzdiskussionen darüber, was ARD und ZDF im Internet dürfen, erst mal überwunden. Anstatt vermeintlichen Konkurrenten Knüppel zwischen die Beine zu werfen, könnte man auch einfach still und unaufgeregt mit neuen Ideen und Geschäftsmodellen experimentieren und dabei womöglich sogar erfolgreich sein. Debatten wie diese aber führen weder zu neuen Einnahmen für Verlage, noch dienen sie dem Onlinejournalismus insgesamt. Sie lähmen und richten Schaden an, sie kosten unnötig Geld. Geld, das wir alle – egal ob Gebührenzahler, Verlage oder Journalisten – an anderen Stellen besser brauchen können.

Nachtrag, 8.1.2009, 20:33 Uhr: Dass man dieses Thema auch völlig unaufgeregt analysieren kann und dabei noch auf ein paar ganz interessante Zusammenhänge aufmerksam wird, beweist Anna Marohn bei ZEIT Online. Wer sich halbwegs ausgewogen über das Thema informieren möchte, Lesebefehl!

Disclaimer: Ich arbeite als Online-Redakteur für ein öffentlich-rechtliches Internetangebot.


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