Miss-Verständnisse 2005

Freitag Mittag in einer beliebigen deutschen Redaktion. Letzte Details für die Berichterstattung am Wochenende werden geklärt.
Redakteur 1 zu seinem Kollegen: „Du, ich seh grad, dass am Wochenende in Rust die ‚Miss Germany‘ gewählt wird!“
Redakteur 2: „War das nicht kürzlich schon? Da hatten wir doch erst den Bericht von dem Dings aus Aachen…“
Und zack, wieder mal jemand reingetappt in die perfide deutsche Miss-Falle. Tatsächlich hatten ja beide irgendwie Recht: Am vergangenen Wochenende gab’s eine neue „Miss Germany“, und Mitte Januar wurde in Aachen die „Miss Deutschland“ 2005 gewählt. Mittlerweile scheinen beide Veranstaltungen in den Redaktionen auf ähnliches Interesse zu stoßen. Dementsprechend groß ist auch die Verwirrung. Schon eine simple Google-Recherche nach den beiden wichtigsten „Missen“ ist ein schwieriges Unterfangen, weil die offiziellen Seiten erst nach unzähligen Artikelchen in allen möglichen Regionalzeitungen ausgespuckt werden. Die offizielle Miss-Germany-Homepage findet man noch relativ schnell – die Adresse liegt auch nahe. Aber unter www.missdeutschland.de findet man keineswegs die offizielle Miss-Deutschland-Homepage, sondern offenbar (ich formuliere das bewusst vorsichtig) unter www.missdeutschland.tv. Dabei zeigt ein Blick (oder auch ein zweiter) in die Geschichte, dass es durchaus mal andere Zeiten gab.
Nun gibt’s an solchen Wettbewerben sicherlich sehr viel auszusetzen. Richtig skandalös ist aber, dass all diese Misswahlen vor sich hindümpeln und keiner auf die Idee kommt, daraus ein riesiges nationales und kommerzielles Ereignis zu machen. Eigentlich seltsam im Zeitalter der Casting-Shows… „Deutschland sucht die superschöne Mega-Frau“ (von mir aus auch noch einen ähnlich knackigen Mann dazu) das hat doch alles, was das Fernsehsenderherz begehrt: Atemberaubende Spannung, große Emotionen, schöne Bilder und auch ein bisschen nackte Haut.
Wer einmal das Vergnügen hatte, die Wahl der „Miss Italia“ mitzuerleben, der weiß, wovon ich rede: So eine nationale Misswahl ist dort ein mehrtägiges (!) Fernsehspektakel vor der Kulisse eines mondänen Kurortes, mit prachtvollen Quoten – nicht nur bei den männlichen Zuschauern. Man gewinnt den Eindruck, dass hier ein Land mit viel Stolz, Pomp und Kitsch seine schönste Frau feiert, und zwar immer im September, also zum Abschluss eines grandiosen Sommerurlaubs, wenn das ganze Land noch bester Laune ist. Natürlich ist Bildungsfernsehen was anderes, keine Frage…;-)
Aber bei uns sieht’s ja ganz düster aus: Ein Versuch, die Wahl der „Miss Germany“ auch im deutschen Fernsehen zu übertragen, floppte vor ein paar Jahren bei Sat.1 gnadenlos. Sicherlich auch, weil es die eine, entscheidende Misswahl eben nicht gibt. Und so schauen wir eben lieber zu, wie angebliche Promis sich in vorpubertären Ekel-Streichen üben

 

Grüße aus Nigeria – powered by "Babel Fish"?

Volltreffer! Es hat mich mal wieder erwischt! Ich habe tatsächlich eine E-Mail der berühmten, legendären, sagenumwobenen Nigeria-Connection bekommen! Drei Dinge sind an dieser Mail erstaunlich:
1. Offensichtlich gibt es immer noch Menschen, die drauf reinfallen – sonst wären diese Dinger ja schon längst ausgestorben.
2. Sie hat es durch meinen Spam-Filter geschafft.
3. Die englische Version ist schon ziemlich schlecht. Aber die deutsche Übersetzung ist so unglaublich unterirdisch, dass ihr schon wieder ein gewisser künstlerischer Wert zukommt. Wahrscheinlich steckt eine Übersetzungsmaschine wie Babel Fish dahinter.
All das ist wirklich eine reife Leistung und obendrein sehr unterhaltsam. Ehre wem Ehre gebührt! :-))) Deswegen gibt’s die E-Mail in voller Länge als Kommentar zu diesem Posting.

 

Sisyphos

Es ist immer wieder schmerzhaft, auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt zu werden. Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest hat in einer Studie herausgefunden, dass unsere Arbeit als nicht besonders glaubwürdig wahrgenommen wird. O.k., das muss man nicht gleich persönlich nehmen. Aber nachdenklich macht’s trotzdem, wenn man sich wieder mitten in der Nacht aus dem Bett quält, und dann so ein Urteil dafür bekommt. Andererseits: Wenn alle so effektiv arbeiten wie die Freunde von Golem.de, über die ich an diese Neuigkeit geraten bin, dann kann man schon auf die Idee kommen, dass da was dran ist: Die haben sich nämlich gerade mal eine neue überschrift überlegt, ansonsten haben sie offenbar die Pressemitteilung übernommen. Ich werde jetzt am Wochenende in mich gehen und überlegen, ob das eher für die Pressemitteilung des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest oder eher gegen Golem.de spricht. Vielleicht sollten wir es alle so machen? Weniger Arbeit, weniger Sisyphos…

 

Erhellendes aus der Musikbranche

„Ach ja, die gibt’s ja auch noch…“ – das dürfte bei vielen so der Gedanke sein, wenn sich in letzter Zeit ein führendes Mitglied der Musikindustrie zu seinen jüngsten Umsätzen und Gewinnen äußert. Heute darf sich in der Welt Universal-Music-Chef Frank Briegmann auslassen (zusammengefasst gibt’s das Ganze auch bei Heise). Briegmann ist übrigens der Nachfolger von Tim Renner, aber das hört er vielleicht gar nicht so gern. Wenn man ein bisschen zwischen den Zeilen des Interviews liest, dann muss man sagen: Das Jammern und Wehklagen der letzten Jahre ist offenbar vorbei und man hat mittlerweile wirklich – also jetzt definitiv, großes Indianerehrenwort! – gemerkt, dass es auch andere Möglichkeiten neben der CD gibt, Musik unters Volk zu bringen. Natürlich gibt’s nach wie vor ein bisschen mp3-Bashing und so, aber alles nicht mehr so wie noch vor Monaten. War am Ende alles gar nicht so tragisch? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt… 😉
Zwei Dinge aus diesem Interview sollte man aber festhalten und vertiefen:
1. Herr Briegmann hat einen iPod und findet das „natürlich“. Es besteht damit Grund zur Hoffnung, dass er das Prinzip verstanden hat.
2. Ein Zitat: „Als Universal haben wir erstmalig mit unserem derzeitigen Nummer-eins-Hit ‚Schnappi‘ selbst einen Klingelton angeboten und über 100.000 Mal verkauft.“ Äh, Moment mal! Seit wie vielen Jahren gibt’s Klingeltöne? Und wann gab’s den ersten, den Universal selber angeboten hat? Wir vertiefen das jetzt vielleicht besser doch nicht weiter…
Passend zum Thema beweisen uns die Schweizer Kollegen heute übrigens, dass man nicht immer nur die „arme, arme Musikindustrie“ jammern lassen muss, wenn es um Urheberrechts- und ähnliche Diskussionen geht. Nur so als Idee.

 

Wieder mal Wiki-Bashing?

Aaaah! Lange nichts böses mehr über Wikipedia gelesen. Wurde auch Zeit, dass sich mal wieder jemand des Themas annehmen würde. O.k., die „WamSerzählt uns heute eine Menge über Wikipedia, aber nichts wirklich neues. Darüber könnte man sich jetzt auch prima auslassen, aber das hatten wir ja kürzlich schon mal… 😉
Überrasschenderweise ist der Artikel zwar recht wohlwollend, aber vorhersehbarerweise kommt er nicht ohne die obligatorische Frage aus, ob das Modell „jeder darf mitmachen“ auch funktionieren kann. Oder, wie sich vor vielen, vielen Monaten mal sinngemäß ein Leserbriefschreiber im „SPIEGEL“ geäußert hat: „Wenn da alle mitmachen dürfen, dann kommt vor allem eines dabei heraus: Unfug.“ Gäääähn… Also halten wir fest: Irgendwie funktioniert es bei Wikipedia. Und so groß ist der Unterschied zu traditionellen Lexika oder Enzyklopädien auch wieder nicht: Die sind ja keinesfalls davor gefeit, dass jemand seine eigene krude Weltsicht unterbringt – er muss sich nur geschickter dabei anstellen, wird dann aber auch gedruckt. Selbst hochwissenschaftliche Speziallexika sind davor nicht gefeit. Es reicht schon, wenn man drei verschiedene etymologische Wörterbücher nebeneinander legt und ein paar Einträge, die nicht sonnenklar sind, vergleicht. Passend dazu ein schöner Linguistenwitz aus der sehr empfehlenswerten Witzsammlung „Neues aus St. Eiermark“ der Professoren Koch, Krefeld und Oesterreicher:

Eines Tages kam der französische Sprachwissenschaftler Claude Hagège in seiner Vorlesung auf die afrikanische Sprache Buduma zu sprechen und erkundigte sich beim Auditorium, ob jemand diese Sprache kenne:
„Maintenant, on va parler du buduma. Il y a quelqu’un qui sait le buduma?“
Nach einer langen Pause, aus der letzten Reihe:
„Non! Vous pouvez y aller!“
[„Jetzt wollen wir über das Buduma (Sprache des Niger-Tschad-Gebiets) sprechen. Kann jemand Buduma?“ — „Nein! Sie können loslegen!“]

Und damit sind wir wieder beim Streit um die Fachkompetenz von Wikipedia: Nur, dass bei herkömmlichen Lexika irgendwo „Redaktion“ drauf steht, heißt noch nicht besonders viel, denn – das kann jeder gestandene Redakteur bestätigen – auch Redakteure können bisweilen strunzdumme Luschis sein oder haben mal einen schlechten Tag, an dem sie gar nichts raffen. Das Vorhandensein einer irgendwie gearteten Redaktion an sich ist also weder bei einer Enzyklopädie noch bei anderen Medien per se ein Qualitätsmerkmal. Nur versteht es der Redakteur oder der gelernte Wissenschaftler eben meistens besser als der Laie, seine eigene Inkompetenz zu kaschieren… 😉
(Vielen Dank übrigens an Wolfgang für den Lesetipp, der zu diesem Posting geführt hat!)

 

Brauch ich das?

Seit Tagen macht sich ein seltsames Gefühl breit, wenn man die IT-Meldungen in den Agenturen und im Netz so anschaut: Entgeht mir was, wenn Google eine Software verschenkt und ich die nicht kenne? Seit Tagen geistern nämlich Meldungen über „Picasa 2“ durch die Gegend, die mich aber auch nicht wirklich schlauer gemacht haben. Heute endlich kam die Erlösung durch „SPIEGEL Online“: Es ist eine Bildverwaltungssoftware, die auch ein bisschen Bildbearbeitung kann. Also auch nichts wirklich neues, nur ein bisschen anders, wenn ich das richtig interpretiere. Das beweist mal wieder: Gute PR ist Gold wert, da kann man dann gut und gerne seine Programme verschenken.
Und noch ein kleiner Lacher am Rande: Google schaffte es zumindest heute Mittag nicht, bei einer Suche nach „picasa“ seine eigene Tochterfirma ganz oben in der Liste auftauchen zu lassen…

 

Man spricht Deutsch!

Wunderbar! CSU-Generalsekretär Söder ist doch immer wieder für eine Überraschung gut. Gut, das ist auch sein Job – aber heute macht er ihn mal wieder besonders gut. Denn er will laut „Berliner Zeitung“ „die deutsche Sprache als offizielle Staatssprache im Grundgesetz verankern“. Natürlich geht’s dabei wieder um Integration und so, falls das überhaupt noch jemand hören kann… Söder liefert auch eine tolle Begründung: „Deutschland sei eines der wenigen Länder, in dem die eigene Sprache noch nicht in der Verfassung erwähnt ist.“
Soso. Na, wenn der Söder das sagt, dann habe ich wahrscheinlich einfach nur die entsprechenden Passagen in den Verfassungen so kleiner, unwichtiger Staaten wie den USA oder Italien einfach übersehen (es gibt noch viel mehr davon!). Natürlich, da hat Söder Recht, gibt es auch Länder wie Spanien oder Frankreich, die ihre Sprache in der Verfassung festgeschrieben haben. Dummerweise haben die dabei ihre sprachlichen Minderheiten nicht selten vergessen, was ihnen eine Menge Probleme eingebracht hat. Das aber nur nebenbei.
Wirklich perfide an diesem Vorschlag ist was anderes: Söder diskrimiert damit ja viele seiner Parteimitglieder, den Vorsitzenden eingeschlossen. Denn mit den Deutschkenntnissen ist es da mitunter auch nicht so weit her… 😉

 

Wie war das mit der Staatsferne?

Sehr schön, worüber sich Monika Griefahn (SPD), Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien (Was das miteinander zu tun hat, leuchtet übrigens auch nicht mehr jedem ein) heute via „Netzeitung“ Gedanken macht. Da heißt es: „Die Forderung des NDR-Intendanten Jobst Plog nach einer klaren Trennung zwischen Politik und öffentlich-rechtlichem Rundfunk wird von der SPD-Medienpolitikerin Monika Griefahn abgelehnt.“ Laut Griefahn sind solche Forderungen sogar „weltfremd“. Wer jetzt hofft, als nächstes käme das Eingeständnis, dass es mit der berühmten „Staatsferne“ nicht so weit her ist, der hat sich geschnitten. Denn Frau Griefahn erklärt: „Es geht um Staatsferne, nicht aber um Politkferne.“
Ich fürchte, die Menschen, die diese Unterscheidung nachvollziehen können, kann man getrost persönlich zum Essen einladen, ohne arm zu werden. Und wer in Bayern lebt und den hiesigen Rundfunk nutzt, der versteht solche Diskussionen sowieso nicht, egal ob die Politik jetzt staatsfern, öffentlich oder rechtlich ist.