Kollateralschaden: Wie PEGIDA mein Facebook kaputtgemacht hat

Mein Facebook ist kaputt. Ich weiß nicht mehr genau, wann das passiert ist. Und schuld daran ist PEGIDA.

Lesezeit: 3 Min., von Titus Gast gepostet am Wed, 21.1.2015
Tags: facebook, politik, social media, twitter, hate speech, hasskommentare, soziale netzwerke

Mein Facebook ist kaputt. Ich weiß nicht mehr genau, wann das passiert ist. Vermutlich war es ein schleichender Prozess, der schon vor ein paar Wochen angefangen hat. Doch in den letzten Tagen wurde mir klar: Es ist einfach kaputt. Und schuld daran ist PEGIDA.

Meine Timeline ist voll von dem Kram. PEGIDA-Artikel hier, PEGIDA-Spott da, dazwischen auch ganz normale Nachrichten, die aber häufig was mit Attentaten, Kriegen, dem Islam oder Migration zu tun haben – unter den entsprechenden Postings kommentieren dann die Pegidisten fröhlich pegidistisch-rassistisch drauflos. Weil mich selbst Kommentardiskussionen durchaus interessieren, lese ich natürlich die Kommentare; meistens ärgere ich mich dabei. Und selbst wenn ich mal über völlig unverfängliche Themen stolpere, passiert es häufig, dass sich darunter eine muntere Diskussion um die zentral gesteuerte „Lügenpresse“ im Allgemeinen und deren „linksgrün-versifftes“ Personal im Besonderen entwickelt, die ja mit diesen belanglosen Artikeln nur von den eigentlichen Problemen ablenken wollten.

So kann das nicht weitergehen.

Ich habe dadurch allerdings auch einige Dinge gelernt:

  • Das Prinzip des Edge-Rank (also Facebooks-Newsfeed-Algorithmus) funktioniert. Ich bekomme tatsächlich das angezeigt, was ich in letzter Zeit schwerpunktmäßig angeklickt habe. Eben: PEGIDA-Spam. Also klicke ich noch mehr PEGIDA-Spam an und bekomme dadurch noch mehr PEGIDA-Spam, den ich wiederum anklicke …
  • Daraus folgt mehr oder minder unmittelbar: Die Filterblase existiert ebenfalls und ich lebe prachtvoll darin, und zwar ob ich will oder nicht. Ich war mir vorher nicht so sicher, ob ich dafür wirklich so anfällig bin und war mir relativ sicher, dass ich selbst gut steuern kann, wann ich mich in meiner Filterblase bewegen will und wann ich sie verlasse. Nun muss ich leider feststellen: Ich lebe, was meinen Online-Nachrichtenkonsum betrifft, in einer lustigen, kleinen PEGIDA-Bubble und muss mich anstrengen, damit ich manchmal noch was anderes mitbekomme. Und das ist natürlich anstrengend.
  • Ein eher angenehmer Nebeneffekt – der aber auch nicht nur angenehme Folgen hat, siehe oben – ist: Ich habe gelernt, dass die deutsche Huffington Post zwar immer noch schlimme Dinge macht (unter anderem das unsägliche Focus-Overlay, das mich selbst dann auf die Facebook-Seite hinweist, wenn ich gerade von Facebook komme, was wirklich intelligenter gehen muss; wenn nicht, muss man’s halt lassen), aber auch durchaus lesenswerte Artikel publiziert und sich vor allem eindeutig positioniert – zumindest in meiner Wahrnehmung, siehe oben. Das ist vor allem in einer Hinsicht beachtlich: Durch sehr viele eher einfach gestrickte Artikel in der Startphase und viel Boulevard-Kolportage (man berichtet, was Focus oder Bild so berichten) hat die deutsche HuffPost anscheinend ein Facebook-Publikum angezogen, das für eindeutige Anti-PEGIDA-Positionierungen nicht so richtig empfänglich war. Das kann man unter entsprechenden Facebook-Postings und in anderen Reaktionen immer wieder sehr schön beobachten.

Für den Moment hat sich Facebook damit für mich als einigermaßen überschaubarer und breit gefächerter Info-Lieferant für mich komplett ad absurdum geführt. Gäbe es kein Buzzfeed und kein Mashable in meiner Timeline, müsste ich jeden Tag mit schlechter Laune beginnen. Und auch so bleibt davon noch genug.

Ich muss mir was Neues überlegen – vielleicht abonniere ich einen Newsletter einer Nachrichten-Website oder besuche morgens eine davon. Beides wäre schade, denn Facebook hätte das Zeug gehabt, die beste Zeitung der Welt zu werden. Aber ich glaube, solange der Newsfeed-Algorithmus so stumpf ist, wird das nix mehr.

So bleiben mir eigentlich nur zwei Lösungen: Entweder ich werfe ich den guten alten Feed-Reader wieder an, wo ich meine Quellen selbst steuern kann – oder ich miste bei Twitter aus und mache meine Timeline übersichtlich.

Viel Arbeit wartet da. Danke auch PEGIDA!


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