Facebook schafft die Demokratie ab. Nicht.

Titus Gast, Donnerstag, 22. November 2012, 22:41 Uhr • Rubrik(en): Mediengedöns, Netz

Nein, es ist nicht nett von Facebook, dass sie jetzt die Mitbestimmung der User bei Änderungen an AGB und „Datenverwendungsrichtlinien“ einschränkt. Aber der Sturm der Entrüstung, der heute über diverse Portale und durchaus auch meine Facebook-Timeline zog, ist seltsam. Mal ehrlich: Ich kann dieses Gejammer nicht mehr hören.

Aber der Reihe nach: Facebook will also seine AGB und Datenverwendungsrichtlinien ändern. Überall titelten daraufhin Webseiten Dinge wie „Facebook will keine Mitbestimmung mehr“, „Facebook-Nutzer sollen nicht mehr mitreden dürfen“ oder „Facebook will Demokratie-Farce beenden“ (um nur ein paar herauszugreifen). Alles klang irgendwie nach Alarm, Gefahr und bösen Machenschaften. Ein eigentlich unauffälliges Beispiel bei Twitter:

Irgendwie berührt es mich seltsam, wenn jemand wie Richard Gutjahr Vokabeln wie „Wichtig“ und „Please share“ verwendet, die normalerweise fest mit Hoaxes, Kettenbriefen oder wirklich dramatischen Nachrichten verbunden sind. Hier aber geht es ja zunächst mal nur um das Verhältnis eines Unternehmens zu seinen Kunden. Oder?

Irgendwie verstehe ich die Aufregung einfach nicht. Vielleicht bin ich auch noch nicht lange genug Mitglied, um mich an die Zeit erinnern zu können, als alles bei Facebook kuschlig und demokratisch war.

Und immer dieses Demokratie-Argument. In mehrfachen Variationen kam mir der folgende Vergleich unter: „Das wäre ja, als würde eine Regierung sagen: Wir schaffen die Wahlen ab, weil ja eh die meisten nicht hingehen.“ Das ist – mit Verlaub – ganz, ganz großer Quatsch.

Wenn wir jetzt mal davon absehen, dass Facebook in der Begründung der Änderung gerade zu qualifiziertem Feedback ermutigt („Nach wie vor werden wir dein Feedback sorgfältig prüfen, bevor wir irgendwelche Änderungen übernehmen.“), ist es zunächst einfach ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Eine Aktiengesellschaft, deren Anteile zum größten Teil dem Gründer Mark Zuckerberg gehören, zu einem ebenfalls recht großen Teil Microsoft und zu einem geringeren Teil an der Börse gehandelt werden. Was bei Facebook geschieht, bestimmen die Eigentümer. Also Mark Zuckerberg und die anderen Aktionäre. Und – durch ihre Werbebudgets – die Kunden (sprich: Werbekunden, denn damit verdient Facebook sein Geld). Wir User sind nicht die Kunden. Das bedaure ich als Facebook-Nutzer auch. Aber nur aus diesem Missverständnis dieser eklatanten Fehleinschätzung der Situation zu folgern, dass ich ein Recht auf Mitbestimmung hätte, ist absurd.

Und dann begegnete mir heute sinngemäß noch die Aussage : „Wenn Facebook das macht, dann gehe ich!“ Wohin denn? Zu Google vielleicht? Da habe ich noch keine Abstimmung über AGB gesehen. Nur bessere PR (und meiner subjektiven Meinung nach größere Sensibilität für das Thema Datenschutz, aber das ist ein anderes Thema).

Mir kam heute der Vergleich mit einer Bank in den Sinn. Banken haben ebenfalls die unangenehme Eigenschaft, hin und wieder ihre Spielregeln (a.k.a. AGB oder einfach nur Zinssätze) zu ändern. Wenn ich keinen Widerspruch einlege, wird dies als Zustimmung gewertet. Was passiert aber, wenn ich Widerspruch einlege? Dann sagt meine Bank einfach: „Auf Wiedersehen, Sie müssen sich eine neue Bank suchen.“ BTW: So machen das andere Online-Angebote auch. Wir User/Kunden akzeptieren das nolens volens, es ist das übliche Gebaren in unserer Wirtschaftswelt. Kann man bedauern, kann man sicher auch ändern – wäre aber ein politisch aufwändiges Unterfangen, denn schließlich müsste man ja dann andere Unternehmen auch zu vergleichbarer Transparenz und Mitbestimmung verpflichten.

Zurück zu Facebook: Natürlich wünschte ich mir als User die totale Transparenz und Demokratie. Aber wenn gerade mal 0,04 Prozent an solchen AGB- und Datenschutz-Abstimmungen teilnehmen, muss selbst ich als Demokratie-und-Transparenz-bei-Facebook-Verfechter schon sagen: Vielleicht ist es 99,96 Prozent einfach völlig egal, was mit ihren Daten passiert? Vielleicht überwiegt der Nutzen des Kommunikationstools an sich? Vielleicht haben die meisten auch bereits verstanden, wie das Spielchen so läuft? Oder, wie es der der erfrischend unaufgeregte Caschy ausdrückt:

„Ihr zahlt für Facebook nichts und ihr wisst, was meistens ist, wenn man bei einem Dienst für nichts bezahlt und es auf der anderen Seite keine Premium-Zahler gibt. Es ist so: du bist selber dafür verantwortlich, was du bei Facebook an Daten hinterlässt.“

Eines aber zeigt diese Aufregung: Es gibt ein Bedürfnis nach diesen Kommunikations-Tools, und es gibt das Bedürfnis die kollektive Wahrnehmung der User dass sie allen gehören. Facebook (und m.E. noch mehr Twitter) sind ein Stück Internet-Infrastruktur geworden. Eigentlich müssten wir Mark Zuckerberg enteignen und das Ganze als Open-Source-Tool weiterbetreiben. Mit Mitbestimmung, Transparenz und allem Drum und Dran. Eigentlich. Aber ob eine Milliarde User diesen Weg auch mitgehen würden?

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