Audio? Im Web? Echt jetzt?

Titus Gast, Dienstag, 14. Februar 2012, 22:36 Uhr • Rubrik(en): Mediengedöns, Netz

Es ist eine interessante kleine Diskussion, die sich da gerade bei onlinejournalismus.de und bei Martin Hoffmann im Blog entwickelt hat: Er schreibt über Audio als „schwarzes Schaf des Onlinejournalismus“. Audiobeiträge seien online völlig unterrepräsentiert, eben stiefmütterlich behandelt. Armes schwarzes Audioschaf! Da muss man doch was tun! Oder etwa nicht? Vielleicht muss man nur woanders hingucken.

Zunächst mal: Die These, dass Audioinhalte ein Nischendasein fristen und außerhalb der Onlineangebote von Radiosendern praktisch nicht vorkommen, dürfte empirisch belegbar sein – Hoffmann schreibt:

„Denn es gibt kaum gute Beispiele, in denen Töne im Online-Journalismus wirklich sinnvoll eingesetzt werden.“

Dem ist kaum zu widersprechen. Wer über große und kleine journalistische Websites surft, stößt auf Texte, auf Fotos, Videos und mit viel Glück auf ein paar Infografiken, ganz selten ist mal eine Audioslideshow dabei. Pures Audio, also klassische Reportagen, Features, Collagen, ja vielleicht auch nur O-Töne als Illustration… Fehlanzeige. Es sei denn, man bewegt sich zufälligerweise auf Hörfunkwebsites. Als Ursachen für diese Entwicklung macht Hoffmann einerseits mangelndes technisches Interesse oder Know-How derjenigen aus, zu deren Kerngeschäft gute Audiobeiträge gehören – eben Radiomacher – und andererseits eine Fixierung auf visuelle Formen bei den Online-Kollegen:

„In vielen Teams, die multimediale Formate entwickeln und produzieren, gibt es häufig Experten für alle möglichen Bereiche: Bewegtbild, Flash, Datenjournalismus, Fotos, Programmierung usw. Aber ein Spezialist für Audio? Ich zumindest habe davon noch nie gehört (…). Und das, obwohl doch eigentlich gerade Radio-Journalisten für solch einen Job prädestiniert sein sollten.“

In der Analyse der Situation kann ich ihm schlecht widersprechen – die Beobachtungen decken sich mit meinen. Allerdings sollte man bei der Bestandsaufnahme berücksichtigen, dass journalistische Audioinhalte einem selten aus irgendwelchen Webseiten entgegenbrüllen, sondern dass sie sehr oft als Audio-Podcasts oder Radiostreams daherkommen. Und da kann ich bei den einschlägigen Portalen beim besten Willen kein Nischendasein ausmachen. Hier wären quantitative Erhebungen spannend, in denen Angebot, Nachfrage und Rezeptionsverhalten von Audio-Podcasts mit denen von Video-Podcasts verglichen werden.

Richtig ist auch: Audio ist eine ganz famose Sache, wenn man Emotionen und Stimmungen transportieren möchte. Hoffmann zieht allerdings den Schluss,

„(…) dass vielen Journalisten einfach noch nicht ganz klar ist, welche emotionale Wirkung man schon mit einfachsten tontechnischen Mitteln erreichen kann.“

Jedem, der sich mal mit der Funktionsweise von Audioslideshows beschäftigt hat, müsste genau das eigentlich sehr klar sein. Gerade deswegen wirken die ja so toll: Audioslideshows vereinen die Emotionalität von guten Audiobeiträgen mit der Emotionalität guter Fotos.

Das Problem ist: Das Internet ist kein Sendeapparat. Wir interagieren hier. Und wir reagieren auf optische Reize. Wenn die auf der Website nicht stattfinden, reagieren wir auf die in der Umgebung, stehen auf, laufen rum, sortieren Bücher, wischen Staub… Niemand sitzt mehr still im Kämmerlein und lauscht seinem Sendeapparat. Menschen klicken auf Bilder, wischen durch Fotostrecken, spulen vor, lassen sich ablenken. Aber, und das ist vielleicht die Chance: Es gibt ja auch Geräte, die ein passiveres Surfverhalten fördern: Auf Tablets und Smartphones könnte Audio ein erstaunliches Revival feiern. Siehe oben. Podcasts und so.

Ich glaube, genau damit lässt sich letztendlich Nischendasein von Audioangeboten im Netz erklären: Online-Angebote nutzt man nicht nebenbei. Audioinhalte hört man für gewöhnlich im Radio oder als Podcast (oder Hörbuch) auf einem MP3-Player bzw. Smartphone. In aller Regel tut man dabei noch was anderes: Man sitzt im Zug und guckt zum Fenster raus, bügelt, fährt Auto, mäht Rasen, spült, was auch immer. Ich mag nicht repräsentativ sein, aber ich ertappe mich regelmäßig beim Anhören von Audios auf Websites dabei, wie ich irgendwann weiterklicke, den Faden verliere, nicht mehr hinhöre, nebenbei was lesen will (was natürlich nicht geht, ohne mit dem Zuhören aufzuhören). Bilder lassen sich nebenbei noch aufnehmen, aber eben keine Texte. Mag sein, dass ich total formatradioversaut bin. Aber seltsam ist doch: Auf längeren Auto- oder Bahnfahrten habe ich kein Problem, mir ausführliche Berichte, Reportagen, Interviews bis hin zu kleinen Klangkunstwerken anzuhören. Eben wenn ich mich relativ automatischen oder überhaupt keinen Tätigkeiten nachgehe und hinhören kann. Wenn ich vor dem Computer sitze (und eingeschränkt gilt das auch für Tablet und Smartphone), dann kann ich nicht nur hören. Dann will ich auch sehen. Lesen. Gucken. Tippen. Tun. Und das verträgt sich nun mal nicht mit Audio.

Übrigens: Die Tatsache, dass User fast ausschließlich auf optische Reize reagieren, war eine der frustriendsten Erfahrungen auf meinem Weg vom Radio- zum Online-Macher. Ich dachte: Headlines, Teasertexte, das muss doch was bewirken. Tatsache ist: Es wirkt auch. Aber pack ein Bild dazu, und es wirkt zehnfach, hundertfach, tausendfach. Kann man schade finden. Ich befürchte aber, damit müssen wir uns einfach abfinden.

Disclaimer: Ich arbeite für die Website eines großen öffentlich-rechtlichen Radiosenders.

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3 Kommentare Kommentar-Feed zu diesem EintragTrackback-URL

3 Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. Björn Czieslik am 15. Februar 2012 um 00:35 Uhr.

    Ich glaube, einer der Gründe, weshalb Audio im Web ein Schattendasein führt ist, dass man Audio-Inhalte schlecht findet. Es gibt keine Audio-Suchmaschine, die Audio-Inhalte aus verschiedensten Quellen findet. Die Inhalte findet man, wenn dann nur über die Begleittexte. Vor Jahren hatte Altavista (kennt das überhaupt noch wer?) tatsächlich mal eine Audiosuche, aber die gibt es längst nicht mehr. Das gleiche Problem besteht zwar bei Videos prinzipiell auch, aber Google listet ja bei Suchanfragen von selber auch passende Videos auf und letztlich ist YouTube ja auch auch eine Art Video-Suchmaschine.

    Bezüglich der Nutzung beobachte ich bei mir selber, dass ich kurze Videos mal eher kurz zwischendurch schaue (ganze Sendungen aus den Mediatheken dank VideowebTV-Box inzwischen auf dem TV-Bildschirm), während ich Audio-Podcasts und Sendungen bewusster anhöre und zwar in Situationen, in denen ich nebenbei irgendetwas anderes mache: Das kann auf Reisen im Zug oder Flugzeug sein, im Fitness-Studio auf dem Laufband oder beim Abwaschen.

  2. Titus Gast am 15. Februar 2012 um 07:29 Uhr.

    Guter Punkt, Björn: Die Metadaten! Da beobachte ich selbst bei gestandenen Onlinejournalisten, dass deren Bedeutung nicht jedem klar ist – von Radiojournalisten ganz zu schweigen. Aber ohne Metadaten (bei YouTube gehören dazu auch Tags) werden solche Inhalte halt schlicht nicht gefunden – können sie gar nicht. Spracherkennung hat eben klare Schwächen, die da gnadenlos zuschlagen.

  3. Audiolinks: #dradiowissenneu, virales Audio & die perfekte Nachrichtenminute im Radio | Felix Hügel am 18. Februar 2014 um 18:29 Uhr.

    […] hat vor ziemlich genau zwei Jahren vom Schwarzen Schaf des Online-Journalismus geschrieben. Titus Gast hat das damals etwas relativiert: “Allerdings sollte man bei der Bestandsaufnahme […]

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